Den Pfad wiedergefunden: Antisemitismus „hier und jetzt“.

Kommentar zum Text „Verlorener Pfad – zerrissenes Band“ in „Hier&Jetzt“ Nr. 8 (Herbst 2007) von Gerry Hofmann. Von M. W. Alle kursiv und in Anführungsstriche gesetzten Stellen aus dem Originaltext. November 2007.

Es verwundert auf dem ersten Blick in der Tat etwas, dass sich in einer ausgewiesenen Nazi-Postille wie der Zeitschrift „Hier&Jetzt“ eine positive Rezension zu einem Werk namens „Buch der Erinnerung. Juden in Dresden. Deportiert, ermordet, verschollen. 1933-1945“ findet – einem Buch, welches dem Leben jüdischer Menschen und ihrem Schicksal im Nationalsozialismus gewidmet ist. Bei der Lektüre des streng in der literarischen Form eines Achte-Klasse-Schulaufsatzes geschriebenen „Buchtipps“ wird allerdings überdeutlich, dass das neue Interesse von Nazis an der jüdischen Geschichte so neu eigentlich nicht ist, die Beschäftigung mit den Opfern von Auschwitz nicht etwa diesen gilt, sondern allein eine regressive negative „Vergangenheitsbewältigung“ zum Zweck der Fortführung des eigenen antisemitischen Wahns darstellt.

Der wohl selbsternannten Neonazi-Vor-„denker“ Gerry Hofmann strebt nach eigenem Bekunden eine „offene Auseinandersetzung und „Vergangenheitsbewältigung“ mit unverstelltem Blick“ an. Klingt dies auf dem ersten Blick geradezu aufklärerisch (worauf zurückzukommen sein wird), so ist dieses Motiv doch nichts als ein plattes Nachplappern eines der bevorzugten deutschen Stammtisch-Themen: es geht hier nämlich nicht um den Beginn eines Diskurses in diesem Milieu bezüglich der Schuld der Deutschen, sondern gerade um dessen Beendigung und Abweisung, ja geradezu Denunziation. Der eingeklagte „unverstellte Blick“ gilt dabei nichts anderem als der Relativierung von Auschwitz und der Judenverfolgung im NS, welche dadurch zu einem intellektuellen Geschichtsausflug herabgesetzt werden. Denn von was sich der nicht sehr originelle Schreiberling den Blick nicht „verstellen“ lassen will, ist nicht nur das, was er als Antisemitismus bezeichnet; ebenso konstruiert er einen „Philosemitismus“, der zu „bequemen Urteilsmechanismen“ führen würde. Dieses noch nicht einmal unbedingt abwertend gemeinte Konstrukt des „Philosemitismus“ ist aber nicht etwa eine flache Subsumierung des Anti-Antisemitismus und des Einklagens der Konsequenzen aus Auschwitz. Es geht gar nicht um eine offene Abwehr der Kritik am Antisemitismus (dieses Motiv steht nichtsdestotrotz klar im Hintergrund), sondern um die Verdrehung derselben zu einer bloßen Meinung, zur „Judenfreundschaft“, und damit einhergehend die Umdeutung des Antisemitismus selbst zu einer ebensolchen „Meinung über die Juden“, über die man dann doch auch mal diskutieren dürfe.
Diese Transformation der antisemitischen Aggression in eine persönliche Meinung ist so alt wie der Antisemitismus selbst. Gerade der Begriff „Antisemitismus“ deutet hier in die falsche Richtung, erweckt er doch den Anschein einer politisch-persönlichen Überzeugung, über die sich demokratisch streiten ließe, und ist damit selbst ein Grundmuster der antisemitischen Selbstrechtfertigung. Antisemitismus ist jedoch keine Meinung und kein Vorurteil, sondern ein unbegründbarer Hass auf Juden, dessen psychosoziale Triebkraft wesentlich im Unbewussten verbleibt und eher mit dem Instrumentarium einer modifizierten Psychoanalyse, d.h., als objektiver Wahn, erfasst werden muss. Gleichzeitig ist dieser Wahn, diese Manie, gesellschaftlich bedingt; die Projektion von negativen Eigenschaften auf die Juden wie die obsessive Beschäftigung können nur als negativ-ideologische Widerspruchsbearbeitung der modernen warenproduzierend-patriarchalen Gesellschaftlichkeit und der sie konstituierenden Subjekte begriffen werden.
Damit aber verschließt sich der Antisemitismus der Aufklärung. Die Projektion, die Zuschreibung bestimmter Eigenschaften an Juden, lässt sich nicht durch „Gegenbeweise“ widerlegen; gerade als Ideologie ist der Antisemitismus wesentlich verzerrte Wahrnehmung und macht seine Objekte dem Bild, was er von ihnen hat, gleich.
Offene antisemitische Äußerungen sind nun seit 1945 in Deutschland gesellschaftlich verpönt, was aber nicht bedeutet, dass es keine Antisemiten mehr gäbe. Gerade als psychosoziale Grundstruktur der Subjekte wird er nun auf verschlungenen Pfaden zu Äußerungen getrieben, die damit allein in ihrer vollen Tragweite begreifbar werden, wenn von einem antisemitisch fundierten Wesen dieser Gesellschaftlichkeit ausgegangen wird; nur dann wird auch verständlich, warum Antisemiten an (eben nur) scheinbar banalen Äußerungen Gefallen finden – und sie regelmäßig zum Anlass nehmen, in den ursprünglichen Judenhass zurückzulenken. Das bedeutet natürlich auch, dass sich Äußerungen des antisemitischen Wahns nicht nur bei Menschen finden, die sich als AntisemitInnen bezeichnen; vielmehr dringt diese die ganze Moderne durchziehende Ideologie auf verzerrte Weise auch bei solchen Leuten an die Oberfläche, die sich als selbst fernab jedes Judenhasses fühlen. Für die Kritik des Antisemitismus muss also über dessen bloße Äußerungen hinausgedacht werden. Antisemiten lieben geradezu das, was man als Spiel bezeichnen könnte: eine unklar-suggestive Ausdrucksweise, die ihnen aber ausreicht, ihre antisemitischen Antriebe zu befriedigen. Gerade dieses „Spiel“ und seine unausgesprochene Logik sind also zu durchschauen.

Indem der rechte Hobby-„theoretiker“ von einer „antisemitischen Auffassung“ und von „Urteilsmechanismen der Philo- und Antisemiten“ redet, versucht er den Antisemitismus als freie Meinungsäußerung und persönliche Überzeugung auszugeben; dadurch soll erreicht werden, dass diese „Meinung“ überhaupt zum Thema des demokratischen Diskurses – und die Antisemiten damit anerkannte Diskursteilnehmer werden. Schon dieses „Einschmuggeln“, der Fakt des bloßen Streitens über eine derartige „Meinung“ verschafft dem Antisemiten heimliche Befriedigung, kann er doch damit den Wunsch nach der Judenvernichtung als banale Überzeugung ausgeben; schon das Äußern dieser „Ansicht“ ist dabei bereits antisemitische Gewalt und nichts anderes als die grinsende Vernichtungsdrohung, für die der Antisemit noch nicht einmal den demokratischen Diskurs verlassen muss. – Insoweit Antisemitismus freilich auf psychopathischer Projektion beruht, ist es gleichzeitig unmöglich, Antisemiten von der Falschheit ihres „Weltbildes“ zu überzeugen; sie machen ihre Wahrnehmung den eigenen Vorstellungen gleich; es gibt damit keine rationalen Argumente gegen Antisemitismus, jeder derartige Versuch bewegt sich bereits auf dem Spielfeld des Antisemitismus selbst. Der Autor braucht sich dementsprechend auch gar nicht entscheiden, ob er Philo- oder Antisemit sei; allein diese Unterscheidung zu treffen lässt ihn die antisemitischen Gelüste ausleben.

Ist der Antisemitismus einmal als legitime „Auffassung“ eingeschleust, kann sich der modernisierte Nazi bezüglich der Thematik des Nationalsozialismus’ dann in der akribischen Betrachtung der JüdInnen ergehen – wohlgemerkt der JüdInnen! Die Täter kommen in dieser „offenen Auseinandersetzung“ gar nicht vor, sie sind als „Antisemiten“ bereits entschuldigt und zu prüfen ist allein, ob diese ihre Auffassung der Realität entspräche! Geradezu genüsslich lässt er den mal nebenbei als „einschlägig Bewanderten“ bezeichneten Antisemiten seine falschen „Vorwürfe“ und Bilder von den Juden ausbreiten („radikales politisches Bestreben, avantgardistische Kunstauswüchse und verschwörerische Hochfinanz“; „Vertreter eines geschmähten „kosmopolitisch-dekadenten“ Wesens“) – um nicht diese Projektionen, sondern die Juden selbst zu thematisieren, sich also ganz bewusst auf das antisemitische Räsonnement einzulassen und die Ursache für den Antisemitismus damit auf antisemitische Weise bei den Opfern zu suchen. Dies genau drückt sich auch darin aus, dass es allein um die Betrachtung der JüdInnen der „sächsischen Hauptstadt“, also die „Dresdner Juden“ geht und nicht um „die Hochrechnung anonymer Zahlen“; es geht also nicht darum, dass die Deutschen die totale Vernichtung aller JüdInnen zum Ziel hatten – ein Fakt, an den die bloße Zahl der Opfer gemahnt; nein, indem allein die „authentischen Einzelschicksale“ betrachtet werden sollen, wird so getan, als ob Antisemitismus auf einer unmittelbaren Erfahrung des „deutsch-jüdischen Zusammenlebens“ beruhen würde, Teil einer „deutsch-jüdischen Geschichte“ sei. Hier wird ein gegenseitiges „Verhältnis“ suggeriert, welches erneut eine antisemitische Lüge ist. Die Beschäftigung der Deutschen mit den JüdInnen war stets eine Angelegenheit des einseitigen Hasses. Es gibt keinen jüdischen Beitrag zum Antisemitismus.

Die im Zentrum der „Rezension“ stehende „Betrachtung“ der Schicksale der JüdInnen erfüllt den Antisemiten dann erneut mit stillem Lustgewinn: hier kann er die Objekte seines Hasses endlich als absolute Objekte betrachten, in wahrhaft rassenkundlerischer Manier sie „beobachten“ und schlussendlich gemäß seiner „Vorwürfe“ über sie richten. Genüsslich ergötzt er sich an ihren kleinen Gepflogenheiten und Geschichten, hier bereits kann er sich in der absoluten Herrschaftsposition über sie fühlen. In dieser Verobjektivierung liegt dementsprechend das eigentliche Anliegen und das gesuchte Gefühl der absoluten Gewalt über die Opfer, wie sie die Deutschen zuletzt in den von ihnen errichteten Vernichtungslagern spüren konnten. Dazu trägt der Fakt, dass die Objekte bereits tot sind, nicht wenig bei; ihre geschehene Vernichtung wird nirgendwo bedauert. Ganz im Gegenteil erfreut sich der Antisemit gerade an dieser „Dramatik“ ihrer „Schicksale“, ja dem „Schicksalsreigen“ (!) und kann seine heimliche Lust gerade in der obszön detaillierten Nacherzählung befriedigen. Hier kommt der Antisemit dann ins gemütliche Plaudern und Geschichtenerzählen über „jene, die ab 33 nicht mehr dazugehören durften“; die lockere Bezeichnung „ab 33“ schon signalisiert die Einfühlung, die der Autor genießt; in der Aufgabe des distanzierten Blickes, in der unmittelbare Betrachtung seiner Objekte, man möchte fast sagen an ihrem „Wuseln“, kann die zähnefletschende antisemitische Lust befriedigt werden.

Der Schluss, zu dem der Schreiber kommt, war von Anfang an so durchsichtig wie seine antisemitische Motivation: „die üblichen (!) Wert- bzw. Missfallensurteile (!) greifen auf den ersten Blick (!) in der sächsischen Hauptstadt (!) kaum (!!!)“; an „Gegenbeispielen“ macht er deutlich, dass die JüdInnen doch zum Teil auch „ganz normale Durchschnittsmenschen“ waren und „durch eine „erschreckende Normalität“ ins Auge“ fielen. Diese so scheinheilige wie nutzlose „Widerlegung“ der antisemitischen Projektion gilt nicht etwa der Beschäftigung mit den Antisemiten, um sie zu „belehren“ (was sowieso unmöglich ist), sondern um den JüdInnen in einem letzten Akt der Gewalt noch die Merkmale abzusprechen, die die Deutschen ihnen zuschrieben; erst indem der Antisemit die Auslöschung im Nachhinein als im Kern absolut sinnlosen Akt (welcher sie tatsächlich war) darstellen kann, kommt sein Wahn zur Ruhe; nicht etwa in der Kritik der Vernichtung (worin keine Ruhe oder Beruhigung möglich ist), sondern in der gefälligen und kontemplativen Betrachtung dieses geschehenen Massenmordes, die er damit in der Sinnlosigkeit erhält, die sie bei ihrer Ausführung nicht haben konnte und die ihm derartig am Herzen liegt.
Dass es neben diesen „Durchschnittsmenschen“ noch andere gab, die „der Stereotypie NS-biologistischer Rassendoktrin“ (welche wieder als ernsthafte Meinung eingeschleust wird) entsprochen haben sollen, führt dann zurück zur Entschuldigung der Vernichtung durch die Deutschen, die zwar den JüdInnen Unrecht taten, dies aber nicht besser wissen konnten: „Für viele Deutsche waren sie aufgrund (…) überwiegender Unauffälligkeit wohl ganz normale Mitmenschen, andererseits durch überproportionale Präsenz in Wissenschaft, Kunst und Politik, sowie im Bewusstsein ihrer Religion und ethnischen Exklusivität (! – Die Juden sind also wieder schuld!) auch als Sondergruppe wahrnehmbar, und dies durchaus in ambivalentem (!!) Sinne.“ Damit ist die antisemitische Quadratur des Kreises geschafft: die Vernichtung ist perfekt und in ihrer absoluten Sinnlosigkeit hergestellt, die JüdInnen aller auf sie projizierter Qualitäten beraubt; gleichzeitig war die Vernichtung ohne diese Projektion historisch nicht möglich, muss daher als bloß falsche „Auffassung“ entschuldigt werden. Am „Buch der Erinnerung“ wird dementsprechend gelobt, dass „nicht das Verdikt untilgbarer Schuld (…) sondern die lebensnahe Dokumentation authentischer Einzelschicksale“ das Werk bestimmten. Hier wird die wirkliche Schuld auf doppelte Weise abgewehrt: zum einen soll sie bei der „Vergangenheitsbewältigung“ außen vor gelassen werden, zum anderen ist diese falsche Anerkennung der Schuld eben als eines bloßen Faktums genau ihre Abwehr. Die „Schuld“ schrumpft auf die blasse Tatsache, dass die Deutschen eben taten, was sie taten, zusammen, und darin steckt natürlich der Vorwurf, dass es mit dieser angeblich „untilgbaren Schuld“ und ihrer Gemahnung doch einmal genug sein müsse. Gerade durch die Betonung der Untilgbarkeit soll diese Schuld auf perfide Weise mystifiziert, eingekapselt und beseitigt werden.

Mit dieser zwangsweisen Eingemeindung der JüdInnen in die Kategorie „normale Deutsche“ schließlich wird die Täter-Opfer-Verdrehung dann vollendet. Diese im Original in Anführungszeichen gesetzte Bezeichnung erinnert in der Tat an den Untertitel von Daniel J. Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“, nämlich „Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust“. Indem die JüdInnen zwangsweise zu „normalen Durchschnittsmenschen ihrer Zeit“ gemacht werden, verliert sich das von Goldhagen herausgearbeitete entscheidende Merkmal der „gewöhnlichen Deutschen“ jener Zeit, nämlich dass sie Antisemiten waren und auch bereit waren, sich an einer nie dagewesenen und sinnlosen Auslöschung von Menschenleben zu beteiligen. Täter und Opfer sind hier schlussendlich gleichgemacht, und jede Trennung wird ausradiert.

Nach diesem für den Antisemiten lustvollen Rundgang durch die Geschichte geht’s nun an die Gegenwart; denn hier soll der so erhaltene „unverstellte Blick“ (auf die JüdInnen natürlich) zur „Beurteilung der Judenheit als solcher“ (!!) herangezogen werden, die erneut gemäß dem alten Spiel verobjektiviert werden soll, womit zugleich schon die Vernichtungsdrohung erneut im Raum steht: denn sollten sich die Projektionen als wahr beweisen, so wäre dem „Urteilsmechanismus der Antisemiten“ Recht zu geben. Es liegt dabei im Wesen des projektiven Antisemitismus, dass der von ihm betriebenen „Kritik“ die geradezu manische Beschäftigung mit dem dafür bereits prädestinierten Objekt vorausgeht. Wenn dagegen eingewendet werden sollte, dass JüdInnen weder besser noch schlechter und damit genau so zu „beurteilen“ wären wie andere, so verfehlt dieser platt-aufklärerische Einwand erneut das antisemitische Grundmotiv, welches sich der Universalität der Moral nicht dieses Universalismus wegen (d.h., der Anwendung gegen alle und jede/n) bedient, sondern zur Aburteilung derer, die dafür bereits festgelegt wurden.
Das derart vorbestimmte Ziel einer solchen falschen „Kritik“ ist heute der Staat Israel, an welchem praktisch alle AntisemitInnen ihre offenen wie heimlichen Ressentiments ausleben. Unter welchem Aspekt oder Vorwand Israel auch immer Gegenstand der „Kritik“ ist – stets zeigt sich der Antisemitismus darin, dass die „Auseinandersetzung“ mit Israel den „Vorwürfen“ vorausgeht. Die Antwort gegen alle diese offenen und heimlichen AntisemitInnen kann nur die Solidarität mit Israel sein, d.h., mit den dort lebenden JüdInnen als Opfer dieser Projektionen. Denn auch die vorgeblich legitime und „unparteiische“ Kritik an Israel strebt die Verobjektivierung der JüdInnen an, d.h., will sie zum absoluten Spielball des eigenen (natürlich im Prinzip schon feststehenden) Richterspruchs machen. Das historisch Neue an Israel ist aber gerade die Subjektivierung der Jüdinnen, insofern sie in den „Club“ der Nationalstaaten aufgenommen wurden und sich dem Urteil und der physischen Gewalt der Antisemiten derartig allein zu entziehen in der Lage sind, was diese natürlich gewaltig stört. Solidarität bedeutet damit etwas ganz anderes als die falsche Selbstidentifizierung mit Israel, welche zum einen sich selbst ideologisch und unwahr als Opfer konstruiert, zum anderen nur eine andere Spielart der Entsubjektivierung selbst ist: Israel bleibt prinzipiell Objekt und wird nur qua Beschluss aus der Möglichkeit der Kritik ausgenommen. Gerade die Anerkennung der unhintergehbaren Eigenständigkeit Israels bedeutet, dass verschiedene Handlungen und Entwicklungen vor dem Hintergrund einer prinzipiellen Solidarität auch kritisch thematisiert werden müssen.

Der Unterschied zwischen Stammtisch, liberaler Tageszeitung und Nazi-Presse besteht dann darin, dass allein letztere den falschen „Ausweg“ der Äußerung des Antisemitismus’ über die „Kritik an Israel“ noch nicht einmal in Anspruch nimmt; sie geht sofort aufs Ganze und verlangt die Beurteilung gleich der „Judenheit als solcher“; schon die Wortwahl ist pejorativ, erinnert an Krankheit, Parasiten und schlechte Eigenschaften. Die Vernichtungsdrohung ist hierin bereits unumwunden ausgesprochen. Gerade indem dieser Antisemitismus Israel als sein erstes Hassobjekt gar nicht erwähnt, drückt er derartig implizit seine Haltung gegenüber diesem Staat aus, nimmt gerade indem dieser gar nicht genannt wird, wo doch die ganze innere Logik des Antisemitismus nach seiner Erwähnung geradezu schreit, dessen Zerstörung in Gedanken bereits vorweg.

Ist eine derartig ausgiebige Beschäftigung mit Nazi-Geschriebsel überhaupt sinnvoll? sollte man sich fragen; sind nicht ein dutzend Hiebe mit einem stumpfen Gegenstand für Antisemiten angebrachter als auch nur ein paar Zeilen Textanalyse? – Ja und nein. Die Auseinandersetzung mit Antisemitismus ist keine Einladung zur „Diskussion“, denn eine solche würde den Antisemitismus als bloße „Meinung“ bereits akzeptiert haben. Es gibt überhaupt keine Diskussion zwischen Ideologien und der Ideologiekritik; letztere muss sich stets als Meisterin über jene erweisen, welche ihr abgesehen von ihrem objektiven Dasein und ihrer Äußerung überhaupt nichts „erwidern“ können. Gerade indem Antisemitismus nicht als „Meinung“, sondern als psychosozial fundierte Ideologie begriffen wird, gewinnt die Auseinandersetzung einen vollkommen verschiedenen Charakter. Es geht genau darum, den Antisemitismus kritisch zu begreifen, denn nur dieser Begriff eröffnet die Möglichkeit seiner Bekämpfung. Dies hat überhaupt nichts mit der westlichen „Aufklärung“ zu tun, sondern gerade die unbewusste, sich der Illusion rationaler Argumentation verschließende Triebkraft des Antisemitismus, der sich wie hier deutlich wurde noch selbst der Formen der Aufklärung bedienen kann, verweist auf die dieser Aufklärung zugrunde liegenden Strukturen, in welchen die Möglichkeit und Quelle des Antisemitismus zu suchen sind.
Die Kritik der modernen kapitalistischen Gesellschaft und der Begriff des Antisemitismus sind untrennbar verbunden, ja, das adäquate Verständnis des Antisemitismus ist geradezu der Prüfstein jeder kritischen Gesellschaftstheorie. Einige Grundzüge eines derartigen Begriffes wurden hier vielleicht en passant angedeutet; sie sind zu überprüfen bzw. auszubauen. Dies bei diesem Anlass zu versuchen wäre allerdings in der Tat zuviel Ehre für einen antisemitischen Kleingeist. Mit der Begriffsbildung einher geht jedoch unweigerlich die Verfolgung der verschlungenen Pfade, auf denen sich der Antisemitismus zeigt; ihre Offenlegung ist Voraussetzung wie Ziel des Begriffs. Und ein Beispiel dafür zu sein, diese „Ehre“ kann wohl auch Garry Hoffmann und Konsorten vergönnt sein.

M. W.

Literatur:

  • Claussen, Detlev: Grenzen der Aufklärung. Die gesellschaftliche Genese des modernen Antisemitismus. Frankfurt 2005.
  • Dornis, Martin: Von der Harmoniesucht zum Vernichtungswahn. Antisemitismus als basale Krisenideologie der Wertabspaltungsvergesellschaftung. In: Exit! 3, Bad Honnef 2006
  • Goldhagen, Daniel Jonah: Hitlers willige Vollstrecker. Berlin 1996
  • Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt 2004.

Anhang. Zum besseren Verständnis wird hier der Originaltext in Auszügen dokumentiert.

Verlorener Pfad – Zerrissenes Band. Von Gerry Hofmann.
„Sie waren alteingesessene Dresdner Bürger, aber auch Einwanderer aus dem Osten; waren Fabrikbesitzer, Künstler, aber eben auch als Mittelständler, Angestellte und Handwerker ganz normale Durchschnittsmenschen ihrer Zeit. Dresden gehörte seinerzeit mit knapp einem Prozent Bevölkerungsanteil jüdischer Einwohner nicht gerade zu den Zentren deutsch-jüdischen Zusammenlebens. Auch die üblichen Wert- bzw. Missfallensurteile greifen auf den ersten Blick in der sächsischen Hauptstadt kaum, denn die Biographien der ehemaligen jüdischen Bürger fallen wohl mehr durch eine „erschreckende Normalität“ ins Auge, als durch radikales politisches Bestreben, avantgardistische Kunstauswüchse und verschwörerische Hochfinanz.
Vielhundert Namen reihen sich im „Buch der Erinnerung zu einem Bande jener, die ab 33 plötzlich nicht mehr dazugehören durften. Da sind sie nun, die ach so typischen Exponenten, bei deren Namensklang und markantem Antlitz der einschlägig Bewanderte sofort zu wissen glaubt, woran er ist; und doch muß man dann oft anderes lesen: (…)
Friedrich Ehrenfreund zum Beispiel, entstammte gutbürgerlichen Verhältnissen, war evangelisch getauft und hatte Medizin studiert. (…) Oder Ilse Frischmann, deren Eltern als unscheinbare Mittelständler ihr Leben bestritten und die als einfache Putzmacherin ihr „jüdisches Wesen“ im Verfertigen von Kopfbedeckungen und darüber hinaus im Erklimmen der Berge ihrer sächsischen Heimat auslebte. (…) Anders hingegen der Maler und Gebrauchsgrafiker Bruno Gimpel; seine expressionistischen Kunstwerke und Plakate, sowie die Nähe zur jüdischen Fraternitas-Loge, lassen ihn trotz seiner freiwilligen Kriegsteilnahme und seiner nichtjüdischen Ehefrau nach antisemitischer Auffassung schon eher als Vertreter eines geschmähten „kosmopolitisch- dekadenten“ Wesens erscheinen ebenso Sally Friedheim, der als Doktor der Rechtswissenschaften und Bankhausinhaber noch dezidierter der Stereotypie NS-biologistischer Rassendoktrin entsprach. (…)
Vor allem von dieser Dramatik legt die lexikalische Regionalstudie lebendiges Zeugnis ab. Ein Schicksalsreigen und glaubwürdiges Brevier der ehemaligen jüdischen Einwohnerschaft Dresdens ist mit vorliegendem Großband entstanden, ganz ohne die übliche volkspädagogische Phraseologie und das aufgesetzte Betroffenheitsgebaren, das derlei populären Werken zur deutsch-jüdischen Geschichte oft zu eigen ist und jede wirkliche individuelle Auseinandersetzung in bekannter Weise oktroyiert und für kritische Geister von Anbeginn unattraktiv erscheinen lassen muß.

Doch was ist nun Wahrheit? Alles ist Wahrheit, könnte man bei (deutschen) Juden meinen. Für viele Deutsche waren sie aufgrund ihrer Minorität (ca. 0,5 Mio. im Reichsgebiet) und überwiegender Unauffälligkeit wohl ganz normale Mitmenschen, andererseits durch überproportionale Präsenz in Wissenschaft, Kunst und Politik, sowie im Bewußtsein ihrer Religion und ethnischen Exklusivität auch als Sondergruppe wahrnehmbar, und dies durchaus in ambivalentem Sinne. Die systematische gesellschaftliche und physische Elimination von Staatsbürgern jedoch, die in der Summe sehr wohl als Assimilanten, respektive „normale Deutsche“ anzusehen waren, erschüttert anhand vorliegender Zeugnisse umso mehr. Denn nicht das Verdikt untilgbarer Schuld und die Hochrechnung anonymer Zahlen bestimmen das Werk, sondern die lebensnahe Dokumentation authentischer Einzelschicksale der Dresdner Juden, die einst in den Straßen dieser Stadt zu Hause waren.

Entgegen den bequemen Urteilsmechanismen der Philo- und Antisemiten, sollten weder Stereotypen wie „Ferment der Dekomposition“ noch „Wegbereiter des Fortschritts“ bei der Beurteilung der Judenheit als solcher den beherrschenden Gradmesser ausmachen.
Offene Auseinandersetzung und „Vergangenheitsbewältigung“ mit unverstelltem Blick, ohne vorgefertigte moralisierende Lesart, – dazu bietet gerade das „Buch der Erinnerung‘ genug Potential, kritische Fragen jeder Art inklusive.“