Die böse Geschichte

In der Sackgasse der Ideologiebildung. Über einen Beitrag der Dresdner Zeitung „ctrl_f“ zur sogenannten 13. Februar-Diskussion.

Wenn der Bürger schon zugibt, dass der Antisemit im Unrecht ist,
so will er wenigstens, dass auch das Opfer schuldig sei.

Horkheimer, Adorno: Dialektik der Aufklärung

Die Diskussion zum 13. Februar in Dresden bleibt langweilig. Nachdem die Dresdner Autonomenzeitung „ctrl_f“ in ihrer ersten Ausgabe ankündigte, sich diesem Thema anzunehmen, war es schon eine gewisse Überraschung, als unter dem Titel „Linke Wahrheiten? Einige herrschaftskritische Anmerkungen zur linken Debatte um den 13. Februar“ in der dritten, auf Juni datierten Ausgabe tatsächlich von Ralf ein Beitrag hierzu erschien. In Anbetracht dessen, dass in dieser von allen Seiten so inbrünstig gewünschten „Diskussion“ sich bizarrerweise bisher niemand, weder die „Kritiker_innen“ noch der diesjährige Vorbereitungskreis noch irgendwer sonst, dazu hergab, auch nur ein definitives schriftliches Statement zu publizieren, gehört schon ein gewisser Mut dazu, die intellektuelle Verantwortung für das eigene Denken und die darin natürlich liegende Entblößung auf sich zu nehmen, was dem Autor unbedingt zugute zu halten ist.
Aber auch dem sind Grenzen gesetzt. Der „Schluss“ dieses Textes ist ganz der alte: eine Diskussion soll her, und den einzigen tatsächlichen Inhalt des Textes bilden – isolierte „Anmerkungen“, wie schon der Titel verspricht, einzelne „Kritikpunkte“ und „Fragen“, deren Beantwortung gefordert wird – eine Antwort, die der Autor selbstverständlich schuldig bleibt. Das allerdings hören wir nicht zum ersten Mal. Ralfs Beitrag steht nicht alleine; er drückt äußerst gut die Grauzone aus, in der sich ein gewisser Teil der Dresdner Antifa derzeit befindet: im Dilemma zwischen dem sich steigernden Unbehagen mit der bisherigen (eigenen) Position und der verdeckten oder offenen Ideologiebildung.
Ralf formuliert das Ganze im – für den Diskurs dieser treffend negativ als Szene zu bezeichnenden Gruppe charakteristischen – unklar-suggestiven Stil, so dass es unabdingbar ist, ihm zu Anfang etwas unter die Arme zu greifen. Woran stört sich Ralf? Daran, dass die Niederschlagung des deutschen Nationalsozialismus nicht auf emanzipatorischem Wege geschah. Sie wurde von gewaltigen staatlichen Militärapparaten vollbracht, die Deutschland zum Gutteil aufgrund ihrer eigenen Interessenverletzung und nicht aus, sagen wir eben: emanzipatorischen Gründen bekämpften. Überhaupt entsprach die alliierte Kriegsführung nicht Ralfs Ideal des „Humanismus“, was wohl heißt, dass sie nicht gerade freundlich zu den Deutschen war.
Dass der Autor tatsächlich glaubt, dass in solchen „kritischen Anmerkungen“ eine Erkenntnis liegen soll, mag auf dem ersten Blick verwundern; Tatsache ist, und hierin liegt die relative Berechtigung dieser in Wahrheit durch und durch unredlichen „Kritik“, dass derartige „Kritiken“ im bisherigen Diskurs überhaupt nicht behandelt wurden, vielmehr sie stets nur unmittelbar widerlegt oder ausgeblendet blieben, tabuisiert wurden. Dies ist das Geheimnis nicht nur des auffälligen Schweigens der Verteidiger_innen der bisherigen Auseinandersetzungslinie mit dem bürgerlichen Gedenken am 13. Februar, sondern auch die Bedingung dafür, dass ehemalige Teile derselben plötzlich ins Gegenlager wechseln können, ohne dass sie weder ihre alte noch ihre „neue“ Position irgendwie ansatzweise begriffen hätten.
Es liegt in der Niederwerfung des Nationalsozialismus tatsächlich ein Widerspruch, der das subjektive Denken nicht zur Ruhe kommen lässt. Diesen Widerspruch gilt es sich bewusst zu machen. Für den Sieg über Deutschland waren Kräfte verantwortlich, mit denen eine positive Identifikation nicht möglich ist, wie Ralf feststellen muss. Aber darum allein geht es gar nicht. Die andere Seite des Widerspruchs ist nämlich, dass die Niederwerfung Deutschlands unbedingt notwendig war. Diese Notwendigkeit anzuerkennen ist die scheinbar banale Schuldigkeit, in der unser Denken als Denken nach Auschwitz steht. Die Schreckenstat, die den Namen Auschwitz trägt, ist geschehen; wir können für die Gequälten und Ermordeten nichts tun außer ihrer zu gedenken und uns ohne jede Ausflüchte zur Niederlage des Nationalsozialismus zu bekennen – aber dies sind wir ihnen schuldig: die Augen vor der Geschichte nicht zu verschließen. Für dieses Bekenntnis mag es zwar gute Gründe geben, aber es ist nicht begründbar außer aus sich selbst heraus, d. h. als Schuldigkeit an den Opfern. Jede Rationalisierung, jedes Herumräsonnieren, welches irgendeinen „besseren“ Grund als diese Opfer benötigt, damit die Niederwerfung des Nationalsozialismus anerkannt werden kann, ist indiskutabel.
Wie sich hier aber jede Rationalisierung verbietet, geht das Bekenntnis zur Befreiung wie auch das damit verknüpfte Erinnern an Auschwitz über sich selbst nicht hinaus; sie sind derart zusammengenommen ein bloßes Faktum, ein isolierter Punkt, der mit dem restlichen Denken in keinerlei Zusammenhang steht. Gerade daran aber stört sich das moderne Denken, also das Subjekt, welches diesen außer ihm stehenden Klotz als Eingriff in seine Souveränität empfindet. Das von der Aufklärung hervorgebrachte Subjekt betrachtet sich selbst als uneingeschränkter Souverän; in seiner narzisstischen Welt gibt es nur dieses Subjekt selbst, sein tautologisches Ich. Die äußere Realität kann es allein dadurch anerkennen, indem diese ihm vernünftig erscheint, rational begreifbar, also in sein eigenes rationales Bewusstsein aufgehoben, dort abgeleitet und reproduziert werden kann, was nichts anderes bedeutet, als dass die äußere Realität ins souveräne Bewusstseins inkorporiert wird und damit kein diesem Äußerliches mehr darstellt; alles aber, was sich einer derartig rationalen Weltanschauung (die selbstverständlich ebenso als irrationale möglich ist) sperrt kann einfach ausgeblendet werden. Gerade dieses unvermittelte Bekenntnis dann, welches dem Subjekt nun abverlangt wird, lässt sich aber nicht ableiten, nicht auf herkömmlichem Wege rational begreifen. Es gibt hier weder einen von der Sache selbst verschiedenen Grund, noch dient dieses Bekenntnis irgendeinem anderen Zweck; damit steht die Sache unversöhnlich außerhalb des Subjekts, ihre Berücksichtigung stellt sich als eine Grenze des individuellen Denkens dar, welches diese zu überwinden strebt, es aber nicht vermag. Diese Grenze ist in Form des Tabus gesellschaftlich organisiert, darüberhinaus aber eine Notwendigkeit des Subjekts selbst, welches in Auschwitz seine eigene Negation erblickt.
Allein durch die Bewusstwerdung dieses Widerspruchs zum eigenen souveränen Denken ist es möglich, ihn auszuhalten – was sich tatsächlich als ein „Trick“ darstellt, ihn erst ins eigene Denken aufzunehmen und die eigene Identität wiederherzustellen gerade durch ihre bewusste Brechung. Die Geschichte und das von ihr verlangte Bekenntnis müssen anerkannt werden, sie bilden den festen Punkt und das Geländer des Denkens. Ohne Bewusstwerdung aber bleibt dieser Widerspruch die nie versiegende Quelle zur Bildung von Ideologie. Dazu zählt die Suche nach „besseren“ Gründen für die Anerkennung der Befreiung, auch der ideologische Wunsch nach einer Autorität, die den quälenden Widerspruch „aufhebt“; dann aber vor allem der sekundäre Antisemitismus, welcher Schuldige für dieses Vergehen an der eigenen Souveränität sucht, und sie in Jüd_innen und Intellektuellen „findet“: Weil das Subjekt selbst keinen Bezug zur geschichtlichen Katastrophe zu haben meint, soll es allein an jenen liegen, dass die Tat und die Opfer nicht einfach vergessen werden können. Daneben existieren, man möchte schon sagen: selbstverständlich, alle möglichen Weisen der Verdrängung und Vermeidung der Beschäftigung mit dieser geschichtlichen Erfahrung, die nur aus dem Schrecken fürs Subjekt, der Auschwitz anhaftet, begreifbar sind. Der Widerspruch zum souveränen Subjekt besteht; wie es damit umgeht, ist allerdings ihm selbst überlassen, hierin liegt seine tatsächliche Freiheit; ob es ihn sich schmerzhaft bewusst macht oder Schuldige dafür sucht liegt allein in seiner Verantwortung.
Ralf nun versucht in seinem Text stets von neuem vergeblich, gegen diesen Widerspruch, diese drohende Nichtidentität im eigenen Bewusstsein anzurennen. Er hat eine abstrakte „Kritik“ an Staaten, an „Herrschaft“ und am Militarismus, und soll nun zu etwas sich bekennen, zur Niederschlagung des NS durch genau die Mächte, welche er seiner „Kritik“ nach eigentlich bekämpfen wollte. Dass der Widerspruch in dieser Klarheit gar nicht vorkommt in Ralfs Text muss schon selbst als negativer Bewältigungsversuch gelesen werden. Die „Kritikpunkte“, die er an den Alliierten vorbringt, sind genauso dürr und halbherzig wie sein Bekenntnis zur Befreiung; indem beide Seiten in einem genuin extremismustheoretischen Vorgehen eingedämmt werden bleibt allein der Widerspruch halbwegs ertragbar, gleichwohl er doch nicht verschwindet. Die hier ideologisch entstandene „antifaschistische Mitte“ kann sich in sachter Betulichkeit von jedem „einseitigen“ Bekenntnis fernhalten, von jeder Wahrheit allerdings auch.
Dagegen ist erst aus der Bewusstwerdung des hier liegenden Widerspruchs nicht bloß das selbstverständliche unnachgiebige Einstehen für die Notwendigkeit der Befreiung, sondern überhaupt eine Kritik an den Alliierten möglich. Diese als kapitalistisch bzw. staatskapitalistisch organisierten Mächte verteidigten eben im Zweiten Weltkrieg nicht etwa die Menschlichkeit an sich, sondern dies war eher ein Nebenprodukt des Hitlerschen Angriffs auf ihre ureigenen staatlichen Interessen, gleichwohl – und dies darf nicht untergepflügt werden – der als Notwendigkeit angesehene Kampf gegen die deutsche Barbarei ein unübersehbares Motiv trotzdem blieb. Die im freudigen Ereignis der Befreiung auftauchende quälende Frage: Warum wurde die KZ-Infrastruktur nicht schon früher ausgeschalten? wirft nicht bloß ein Licht auf die verantwortlichen Individuen, sondern auch auf eben die Mächte und Interessen, die dem nationalsozialistischen Deutschland gegenüber standen. Hier erst, durch diese Vermittlung hindurch, also indem die Kritik konkret in der Befreiung aufzeigt, warum diese derartig zu spät kam, lässt sich überhaupt von einer Kritik an den Alliierten reden. Indem man dagegen lediglich unvermittelt und plump „anmerkt“, dass es doch kapitalistische Staaten und nicht „herrschaftsfreie Räume“-was-auch-immer waren, die den NS besiegten, bleibt die „Kritik“ noch ganz abstrakt, denn sie kann überhaupt nicht angeben, was das ganze denn mit der Befreiung nun zu tun haben soll. Wenn von unserem Experten in Sachen erfolgreicher antimilitaristischer Kriegsführung lieber die Militärmaschine der Alliierten kritisiert wird, nähert sich diese Auseinandersetzung der Grenze zur Satire; dass der deutsche Vormarsch nur durch eine überlegene Militärmacht zu stoppen war, ist so gut kritisierbar wie das Naturgesetz der Schwerkraft – was wiederum nicht bedeutet, dass es als „Gegenposition“ nun Militär und dessen notwendige Disziplin ebenso abstrakt gutzuheißen gälte; die Militärmaschine war aber zur Befreiung notwendig, jede Kritik hieran nimmt die Anerkennung der Befreiung ein Stück zurück. Um die souveräne Identität im eigenen Bewusstsein aufrecht zu erhalten, vergeht dieses abstrakte „herrschaftskritische“ Drauflosdenken sich auf Schritt und Tritt an den Opfern; es strebt danach, jeden Widerspruch zur äußeren Realität aufzulösen, und sofern das nicht geht, soll diese verschwinden. Ist es zum Weinen oder zum Lachen, wenn diesem nur mit sich selbst beschäftigte Denken zuliebe alle Äpfel nach oben fallen sollen? Wer angesichts der Befreiung vom deutschen Nationalsozialismus allein an die Durchführung der eigenen Kritik am alliierten „Militarismus“, alliierten „Kriegsverbrechen“ etc. denken kann, verhöhnt die Opfer, gleichgültig ob absichtlich oder nicht. Die Distanz zum deutschen Opfermythos, der zum Thema der Befreiung als allererstes (und eigentlich ausschließlich) über die deutschen „Opfern“, über „Vertreibung“ und ebenjene „alliierten Kriegsverbrechen“ reden möchte, verschwindet.
Es muss stattdessen daran festgehalten werden, dass selbst jene Einsicht, dass die Befreiung zu spät kam und die Deutschen nach Moishe Postone den Krieg nicht verloren, sondern ihren Krieg bereits gewonnen hatten, wie sie den Großteil der europäischen Jüd_innen ermorden konnten, die Freude über die Befreiung überhaupt nicht trüben darf. Diese Befreiung, wie sie real geschah, bedeutete das Ende des Leidens für ungezählte Menschen, die auf der Schwelle zur sicheren Ermordung standen. Wollte man dagegen Ralfs halbherzige „Kritik“ an den Alliierten, z. B. auch was die Vergewaltigungen durch Soldaten der Roten Armee betrifft, vollständig ausbreiten, so wäre dieses Denken, welches keinen Widerspruch aushält, dazu gezwungen, sich von der tatsächlich geschehenen Befreiung vom Nationalsozialismus – loszusagen. Die abstrakte „Herrschaftskritik“ müsste offen eingestehen, dass ihr die Befreiung nicht unterscheidbar von allen anderen Katastrophen der Menschheitsgeschichte wäre, nicht zuletzt neben Auschwitz stünde. Die Kranzniederlegung im Stelenkreis auf dem Heidefriedhof ist gar nicht mehr so weit entfernt.
Das weiß natürlich Ralf selbst als inakzeptabel, und gerade hierin liegt nicht nur der Grund für die oben erwähnte Abrüstung der Kritik, die er betreibt, sondern ebenso hindert dieser Widerspruch: dass seine eigene Kritik eben notwendig zu ungewünschten Resultaten führt, ihn daran, sie konsequent voranzutreiben, und es bleibt also bei „Anmerkungen“ und dem Hinweis auf „Implikationen“, während sich dieses Denken selbst nicht mehr positiv zu äußern und auszubreiten in der Lage ist, ohne dass seine eigene Unhaltbarkeit offensichtlich würde; und das gilt erneut nicht nur für Ralf, sondern für jene gesamte dunkle Szene von „kritische Fragen-Steller_innen“.

Was aber ist nun mit der Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945? Das Irritierende hieran sind die getöteten Dresdner Zivilist_innen, die mit dem Krieg scheinbar in keinerlei Verbindung standen. Die Weigerung, menschliches Leiden einfach hinzunehmen, das Gewalttabu gegen Unschuldige ist einer der wenigen Punkte, die dem bürgerlichen Bewusstsein tatsächlich zugute zu halten sind. Es wurde oben schon ausgeführt, dass Geschichte als solche für das sich souverän dünkende Bewusstsein nur qua Rationalisierung anerkennbar ist, und derselbe Mechanismus greift hier erneut. In diesem Leiden liegt eine schreckliche Beunruhigung, die erst vergeht, wenn es gerechtfertigt wird; allein an einem Leiden, welches als notwendig erkannt wurde oder eine Strafe für ein Verbrechen darstellt kann das Bewusstsein Beruhigung finden. Dass gerade der die Bombardierung feiernde Antifaprotest sich krampfhaft an die militärische Notwendigkeit klammert, hat seinen Grund paradoxerweise genau darin, dass auch er die getöteten Deutschen nicht unmittelbar hinnehmen will.
Wenn Historiker_innen die militärische Notwendigkeit der Bombardierung Dresdens herausgearbeitet haben, so bleibt diese ein unbestreitbarer historischer Fakt, aber ein ganz zufälliger. Als derartig wissenschaftlich bewiesener Sachverhalt hat die militärische Zweckmäßigkeit des Angriffs unbestreitbar Eingang in den bürgerlichen Gedenkdiskurs gefunden; im bürgerlichen Lager redet dementsprechend auch niemand mehr von „unschuldiger Stadt“, Tieffliegern am Elbufer und hunderttausenden Toten. Mit diesen Fakten allein ist keine Kritik des bürgerlichen Gedenkens möglich, vielmehr wird die Anstrengung derselben umgangen, wenn sich die „Kritik“ ganz aufs Einklagen der wissenschaftlich-historischen Wahrheit reduziert. Eine solche Antifa-Position hängt nicht nur ganz am Tropf der neuesten Erkenntnisse aus dem akademischen Milieu, vielmehr ist jede Differenz zum bürgerlichen Gedenken praktisch aufgegeben. Diese immanente „Kritik“ auf dem Rücken der historischen Wahrheit wird bloß zur Stichwortgeberin für ein „besseres“ Gedenken, welches stets danach bestrebt ist, diese konstruktive Kritik aufzunehmen und die Differenz zur historischen Realität vollständig zu glätten.
Dass die Antifaaktivitäten um den 13. Februar herum glücklicherweise nicht den Platz des im bürgerlichen Lager entdeckten „wahren Gedenkens“ einnehmen, liegt vor allem an der zweiten Rationalisierung, nämlich der Betrachtung der Bombardierung Dresdens als Strafe für die von den Deutschen begangenen Verbrechen. Es ist nicht das unantastbare Verdikt, dass die Deutschen die volle Verantwortung für die Gräueltaten des Nationalsozialismus tragen, es ist die erneute Rationalisierung, die der eigentlichen Konfrontation ausweicht und selbst ein fragwürdiges Geschichtsbild zusammenzimmert. Die Bombardierung Dresdens war keine Strafe für die deutschen Taten, namentlich für Auschwitz, gleichwohl sie tatsächlich die Täter_innen traf. Dies liegt nicht nur daran, dass sie von den Alliierten nicht als Strafe intendiert war, sondern vielmehr muss konstatiert werden, dass eine Strafe für diese Verbrechen gar nicht möglich ist. Die Strafe überhaupt ist eine bürgerliche Institution; charakteristisch für sie wie überhaupt für das bürgerliche Bewusstsein sind die Identität und die Geschichtslosigkeit. Der Sinn der Bestrafung von Verbrecher_innen liegt darin, dass dadurch die Tat verschwinden soll, sie abgegolten wird in einer Art Tauschakt. In Wirklichkeit verschwindet das Verbrechen zwar überhaupt nicht, aber in der Vorstellung ist die Gleichheit wieder hergestellt; die vertilgende Strafe zielt auf die Rehabilitation des Verbrechers/der Verbrecherin. Ist die Strafe abgeleistet, so ist es ein Vergehen gegen den Täter/die Täterin, das Verbrechen auch nur erneut zu erwähnen, denn es ist durch die Strafe ausgelöscht.
Gerade in dieser Auslöschung der Geschichte, der langersehnten „Lizenz zum Vergessen“, liegt die Anziehungskraft der falschen Vorstellung, dass auf Auschwitz irgendeine Strafe folgen müsse; die Identität soll damit wieder hergestellt, die Tat selbst im bürgerlichen Bewusstsein ausgelöscht werden. In Demoslogans wie „Selber schuld“ oder „Sowas kommt von sowas“, in denen ein geschichtlicher Automatismus herbeiphantastiert wird, der auf jedes Verbrechen eine Strafe folgen und damit die Sache notwendig erledigt sein lässt, als ob die göttliche Gerechtigkeit der Motor der Geschichte wäre, reproduziert sich die Grundstruktur des sekundären Antisemitismus, freilich mit dem Unterschied, dass für diesen die Strafe schon immer abgegolten sein soll, für die „radikale“ Position diese nie erschöpft ist, ohne jedoch dass das Paradigma: dass nach dem Verbrechen die Identität wiederhergestellt werden und das Verbrechen damit verschwinden soll, verlassen wird.
Wenn nun jede Vorstellung einer Bestrafung und damit eines Vergessens der Verbrechen und einer Rehabilitierung der Täter_innen aufgegeben werden soll, entsteht aber eine neue Schieflage, denn jenes Leid der in der Bombardierung zu Tode Gekommenen bleibt nun ganz unvermittelt stehen. Hier aber greift erneut die Forderung des bürgerlichen Bewusstseins nach der Identität des Wahrnehmungsmaterials ein: denn wenn dieses Leiden keine Strafe war, vielmehr gar keine Strafe erfolgte, so müssen die Dresdner_innen – doch unschuldig gewesen sein! Hieß es im Antifa-Diskurs noch: kein Verbrechen ohne Strafe, so lesen wir nun auf der anderen Seite der Medaille: wo keine Strafe, da ist auch kein Verbrechen.
Die unbedingte Identität oder Widerspruchslosigkeit frisst sich ihren Weg durchs Denken; die Identität überhaupt kann in einem ganz allgemeinen Sinne die Bedingung oder die Form des Bewusstseins genannt werden. Ohne Bewusstwerdung und kritischer Distanz vom eigenen Bedürfnis nach Souveränität gegen die Objekte bildet die Forderung nach der Widerspruchslosigkeit der äußeren Realität die nie versiegende Quelle der Ideologieproduktion. Gedenken und Opfermythos gerinnen durch die negative Widerspruchsbearbeitung zu einem ideologischen Ganzen.
In jedem Gedenken liegt ganz banal, darauf gilt es zu reflektieren, die Ehrerbietung und die Trauer über den Tod des jeweiligen Menschen. Diese positive psychische Affinität aber ist an sich unvereinbar mit dem Bewusstsein über die Schuld, mit der sich der/die Tote beladen hat, welche gerade Distanz zu ihm/ihr gebieten würde: es ist praktisch unmöglich, über einen Menschen zu trauern und ihn zugleich anzuklagen. Diese Spannung auszutragen kann im Einzelfall noch möglich sein, wo sich das negative Affekte hervorrufende Bewusstsein über die begangenen Verbrechen mit positiven Erinnerungen im Gesamtbild des Individuum zusammenfügen lässt; in der öffentlichen Trauer für ein anonymisiertes Kollektiv, wie sie in Dresden stattfindet, ist diese Vermittlung praktisch unmöglich. Die Schuld, die eine individuelle stets ist und im Mitwissen, in der Zustimmung, dem indifferenten Geschehenlassen oder im eigenen Anteil an Grausamkeit und Mord besteht, bleibt ohnmächtig gegen das überwältigende Bedürfnis nach Trauer und positivem Bezug. Das pauschale „Gedenken“ wird zum allgemeinen Freispruch. Der Hinweis darauf, dass diese Deutschen keine unmittelbar-abstrakten Opfer waren, sondern selbst Anteil am Geschehen besaßen, muss hier mühsam hinzuaddiert werden; dem nicht infrage gestellten Bedürfnis nach Trauer wird hier eine relativierende Fußnote hinterhergeschoben. Diese nachträglich aufs fertige Produkt gestempelte Schuld ist aber keine mehr. Eingeklagt wird nicht mehr die individuelle Verantwortung, die perfiderweise für jeden einzelnen Deutschen besteht, sondern eine ganz abstrakte Schuld, die keinen individuellen Handlungsanteil mehr kennt (dieser würde sich mit dem Gedenken beißen) und bloß darin besteht, dass diese Leute zur falschen Zeit gelebt haben.
Aber auch andersherum bahnt sich die schlechte Identität ihren Weg; denn das Gedenken an die Dresdner „Opfer“ fordert seiner eigenen Logik nach zugleich die Anklage gegen die Bombardierung, gegen den alliierten Krieg gegen Deutschland und zuletzt gegen die Befreiung; schnell geht es dazu über, dass die deutschen Verbrechen, die dann meist nur den Krieg, nicht aber Auschwitz umfassen, doch gar nicht so schlimm gewesen seien, die Deutschen also nicht schuldiger als irgendwer sonst in dieser schlimmen Zeit. Die Spannung, die im bewussten Gedenken an die Täter_innen liegt, zeigt sich praktisch unaushaltbar und das Gedenken verschlingt von selbst die historische Schuld; diese kann nachgeschoben werden, wird aber vom Gedenken selbst negiert. Darüber sind sich die öffentlichen Akteur_innen des bürgerlichen Gedenkens zwar irgendwie im Klaren, d. h., sie plädieren umso stärker auf der „eigentlichen“ Schuld der Deutschen, je mehr diese in ihrem Gedenken gar nicht vorkommen kann. Die geschichtliche Wirklichkeit, die deutsche Schuld, begegnet diesem Denken allein als Tabu, welches dem Bedürfnis nach positiver Trauer und eigener Identifikation eine Grenze setzt. Insofern diese Akteur_innen im Rampenlicht einer Öffentlichkeit stehen, die in der Lage ist, die Überschreitung des Tabus in Skandal und politischen Schaden umzumünzen, ist das Tabu unantastbar durchgesetzt. Das gilt aber nicht für die nicht-öffentliche Meinungsbildung der breiten Bevölkerung, die weder Auschwitz noch die Befreiung als Tabu besitzt und im für sie selbstverständlichen Gedenken an die Dresdner „Opfer“ die negative „Befreiung“ von Auschwitz feiert, in welcher die Tat ausgelöscht wird und verschwindet. Hier ist das Erinnern an Auschwitz kein unerhörter Eingriff in die Souveränität des eigenen Denkens, welcher abgewehrt werden muss; eine derartige Infragestellung kann vielmehr dort nicht erfolgen, wo das dunkle Gewebe der gegenaufklärerischen Ressentiments das Szepter fest in der Hand behält.
Wenn vorhin aufzeigt wurde, dass dem Gedenken der Drang zum Freispruch der Täter_innen innewohnt, so ist diese Aussage noch zu korrigieren, insofern die Ideologiebildung nirgendwo beginnt oder aufhört, sondern als unbedingte Gleichzeitigkeit zu interpretieren ist, in der alle Momente einander stützen, ohne dass eines das Zentrum oder den Ausgangspunkt bilden würde, was sich schon darin zeigt, dass der als logische Verkettung lediglich verdeutlichte Zusammenhang auch andersherum begehbar ist: wer von Auschwitz nichts hören will, kann seine/ihre Ressentiments gerade in einem solchen Gedenken ausleben. Die mühsame Relativierung, dass die, derer gedacht wird, mit Schuld beladen waren, bleibt dem Gedenken äußerlich; und gerade weil es stets von neuem drangeklebt werden muss, ist seine Abtrennung, die platte Verweigerung dieser intellektuellen und emotionalen Anstrengung, wesentlich leichter zu bewerkstelligen und in gewisser Hinsicht ganz folgerichtig. Übergangen wird hierbei zwar die historische Wahrheit, mit der sich der Opfermythos tatsächlich im Widerspruch befindet; viel anziehender aber ist die damit hergestellte narzisstische Identität im eigenen Bewusstsein, welches nun grenzenlos die eigenen Ressentiments ausleben kann. Gegen die von bürgerlicher Seite als „Instrumentalisierung“ bezeichnete Teilnahme von Nazis am Gedenken ist dann zwar ebenjene historische Wirklichkeit wieder einklagbar, gegen die Schwerkraft der Ideologiebildung, für welche die materielle Realität rechtlos ist, muss sie ohnmächtig bleiben.

Jeder Rationalisierung entgegen muss eingewandt werden, dass Gewalt gegen Menschen, selbst gegen Verbrecher_innen und Mörder_innen, nicht automatisch, weder durch Recht noch Gesetz noch durch deren Ausschaltung, gerechtfertigt werden kann – was nicht bedeutet, dass derartige Gewalt ebenso abstrakt zu verdammen wäre, aber sie bleibt eine individuelle Entscheidung und somit Verantwortung. Die Spannung in der Erkenntnis, dass auf das Verbrechen Auschwitz keine Strafe folgte noch folgen kann, muss ebenso ausgehalten werden wie der im Leiden der Täter_innen steckende Widerspruch. Ein unglaublich behutsames und äußerst schwieriges Gedenken an die getöteten Dresdner_innen mag irgendwann prinzipiell möglich sein, aber die bürgerliche Gedenkveranstaltung wird dieses nie erreichen. Das bürgerliche Gedenken beginnt im Wunsch nach positiver Identifikation und Trauer, der sich im Widerspruch zur historischen Schuld befindet und sich ständig an den Opfern des Nationalsozialismus vergeht. Dieser Widerspruch wurde im Laufe der Jahre versucht zu glätten. Die angestrebte Annäherung an die historische Wahrheit aber kommt von der falschen Seite her, und wie jede Lüge früher oder später ausgeplaudert werden muss, wird es sich im bürgerlichen Gedenken stets – freilich nicht ohne Mühe – nachweisen lassen, wie dieses die Verbrechen verharmlost, die Täter_innen freispricht und die Opfer vergisst. Was im Resultat ähnlich aussieht, ist aufgrund der verschiedenen Herkunft nicht gleich, und diese Differenz gilt es aufzuzeigen. Die emanzipatorische Kritik steht dem bürgerlichen Gedenken unversöhnlich gegenüber.

Nachweisen lässt sich dieser Zwang zur Identität selbstverständlich auch bei Ralf. Zuzustimmen ist ihm in der Feststellung, dass das als antifaschistische Kritik gemeinte krampfhafte Festhalten an der militärischen Notwendigkeit groteske Züge einer reinen militärstrategischen Betrachtung annehmen kann, aber dort hört die Gemeinsamkeit schon auf, denn Ralf lässt sich vom Sog der Identität auf die andere Seite ziehen. Eigentlich wollte er nur über die Antifa reden, einen Kommentar zur Schuldfrage kann er sich aber doch nicht verkneifen, und so folgen wir ihm, wie er bezüglich des in Anführungsstriche gesetzten Begriffs der deutschen Volksgemeinschaft fragt, „wie umfassend und ihrer selbst bewusst sich diese auch gewesen sein mag“. Nein, noch nicht einmal als Frage ist das formuliert, vielmehr ganz in der unredlichen und suggestiven Sprache jener abstürzenden Szene. An keiner Stelle negiert Ralf die militärische Notwendigkeit der Bombardierung, noch den Begriff der Volksgemeinschaft, oder den des – selbstverständlich von anderen – „als antifaschistisch und zivilisatorisch verstandenen [!] Krieges“, aber überall finden wir vielsagende Andeutungen, dass hieran irgendetwas nicht ganz in Ordnung sei. Umgangen wird die unzweideutige Bestimmung der eigenen Position, in der die Möglichkeit läge, etwas Falsches zu sagen, und wodurch tatsächlich die Unhaltbarkeit dieses Denkens zu Tage treten würde. Indem sich die Rede stattdessen in Anspielungen ergeht, erhält unsere Auseinandersetzung den Anschein, als ob die Kritik an seinem Text nun Ralf irgendetwas unterstellen würde. Das tut sie aber gerade nicht. Nirgendwo wird hier nachgewiesen, dass Ralf sich tatsächlich von der Befreiung lossagen täte, wohl aber, dass sein eigenes Denken diese Tendenz oder Marschrichtung besitzt, sich mit dem Ergebnis jedoch nicht abfinden will, es allerdings auch nicht negiert, und somit in ständig variierender Amplitude doch gezwungen ist, jene Tendenz auszuplaudern. In sich wiederholenden Andeutungen versucht dieses selbst schlecht widersprüchliche und nie zur Ruhe kommende Denken sich zu befriedigen, was stets aufs Neue misslingt. Immer wieder tastet sich Ralf ein stückweit in seiner „Herrschaftskritik“ bis zur Infragestellung der Befreiung vor, nur um sofort zurückzuschwenken; dann wieder setzt er auf der anderen Seite bei der Befreiung an, die doch etwas Positives haben soll – und sofort wird wieder relativiert, zurückgerudert, die „Kritik“ vorgebracht. Es liegt somit am immanenten Widerspruch solcher Positionen, dass es unabdingbar ist, sie über ihre unmittelbaren Äußerungen hinauszudenken, zugleich aber aufzuzeigen, warum sie selbst vor dieser Konsequenz zurückschrecken.
Genauso wie das Gedenken zur Verharmlosung der Verbrechen führt, stößt sich die falsche „Herrschaftskritik“ an einer klaren Feststellung der deutschen Schuld wie an jedem eindeutigen Bekenntnis zur Befreiung. Was Ralf gegen jene Begriffe vorbringt ist dabei absolut lächerlich, und überhaupt wagt dieses Denken keine offene Auseinandersetzung und treibt sich allein auf Nebenschauplätzen und in bedeutungslosen Scharmützeln herum. Das Bekenntnis zur Befreiung ist nicht wichtig genug, um klar ausgesprochen zu werden, dafür darf im als Kritik an den Alliierten irgendwie wohl gemeinten, aber (glücklicherweise?) nicht ausgeführten Hinweis auf „das internationale Schweigen bei der Annexion Österreichs“ allen Ernstes die Hervorhebung der für diesen Zusammenhang so wichtigen Richtigstellung: „mit Ausnahme Mexikos“ nicht fehlen. Anstatt die Konfrontation, die Arbeit des Begriffs, zu wagen möchte dieses Denken sich lieber in Nebensächlichkeiten flüchten, um der Konfrontation mit der übermächtigen Realität auszuweichen. Dort, wo Ralf eine tatsächlich unumwundene Kritik an der „unkritische(n) Parteinahme auf Seiten der militärischen Gegner Deutschlands“ äußert, fehlt jeder Nachweis, wer diese denn betrieben haben soll und vor allem welche Gründe zu einer solchen Aussage führten, so dass es sich bei diesen Positionen schlussendlich um einen konstruierten Pappkameraden handelt, an dem man sich auslassen kann, ohne dabei an irgendeinem verbindlichen Diskurs zu partizipieren.
Es ist und bleibt allein das in der Linken (auch von Ralf) verteidigte und unbedingt zu verteidigende Tabu, dass die Befreiung zwingend notwendig war, in welchem Ralf dem Widerspruch zum eigenen Denken begegnet. Seine eigene „Kritik“ würde notwendigerweise auf die Negation dieser Befreiung hinauslaufen, womit er sich nicht nur aus der Linken herauskatapultieren würde (die allenthalben zu vernehmende Angst vor „bashing“ ist durchaus begründet), sondern insofern er dieses selbst anerkennt, wird er eine solche Theorie selbst ablehnen und als moralisch unmöglich empfinden, so dass er schlussendlich vor sich selbst zurückweicht.
Dieses befremdende Tabu versucht Ralf irgendwie zu rationalisieren, Gründe für die Notwendigkeit der Befreiung müssen angegeben werden, welche ein längeres Zitat verdienen: „Angesichts des voll entfalteten NS-Staates, unter den Bedingungen eines Weltkriegs, bei dem es nur noch eine Frage der Zeit bis zum Einsatz atomarer Waffen von deutscher Seite war, angesichts der ungebrochen fortschreitenden Vernichtung der europäischen Juden, angesichts der Rede vom „totalen Krieg“ im Sportpalast; vor allem aber angesichts der offenkundigen Unfähig- oder Unwilligkeit der deutschen Bevölkerung, diesem System den Garaus zu machen […]“ (auf den Rest des Satzes kommen wir gleich zu sprechen). Was ist hiervon zu denken? Ralf sind inzwischen sicher mehr als doppelt so viele weitere gewichtige Pro-Argumente für die Befreiung eingefallen; dieses unterschiedslose Gemenge verweist aber nur auf sein eigenes Gegenteil: dass es für Ralf erstens keinen Grund gibt, der allein und für sich die Anstrengung der Niederwerfung des NS erzwingt, somit zweitens diese Sammlung von „Argumenten“ alles andere als ernst gemeint war, da sie schlussendlich nichts begründet, mit der bunten Mannigfaltigkeit über die hier klaffende Lücke hinwegzutäuschen versucht wurde.
Aber es ging bei diesen Gründen noch nicht einmal um die Anerkennung der Befreiung durch Ralf; jenem Dilemma des Widerspruchs zwischen „Herrschaftskritik“ und der von der Geschichte verlangten Parteilichkeit probiert er durch „den Versuch [die Entschuldigung eilt dem Gesagten voraus] einer Trennung zweier zeitlich voneinander geschiedener Betrachtungsweisen“ zu entgehen: „Einerseits existiert die Sicht der damaligen als Opfer betroffenen [! – als Opfer ist man tatsächlich etwas „betroffen“] Zeitgenossen [! – die Kategorien von Täter_innen und Opfern sind also keine realen, sondern bloße Attribute der unveräußerlich gleichen „Zeitgenossen“], andererseits aber die einer heutigen [Herv. Original] Linken, die ohne äußeren Druck zu entscheiden in der Lage ist, wie sie das damalige realpolitische Geschehen aufnimmt und für sich bewertet.“ Abgesehen davon, dass Ralfs eigene Sammlung von Gründen für die Befreiung die mühevoll abgerungene Autonomie der eigenen „Betrachtungsweise“ der „Zeitgenossen“ schon wieder zurücknimmt und in diese doch hineinregieren will, gilt hier offensichtlich: Wollte man dieses Konstrukt der „Trennung“ zu Ende treiben, wäre zwar bezüglich der „Zeitgenossen“ festzuhalten, dass das Dringen auf der Kapitulation Deutschlands „mehr als verständlich“ (! – welch’ Gnade!) „erscheint“ (! – also nicht ist?) – aber nicht mehr für uns. In der relativen Deckung, die die witzige Trennung der zwei Ebenen gewährt, dürfen wir Sätze lesen wie: „Die Freude über beispielsweise die militärische Niederlage der Deutschen vor Stalingrad und selbstverständlich [das muss hier schon extra dazugesagt werden] auch [!] über den Sieg im Mai 1945 ist literarisch vielfach belegt und aus Sicht der betroffenen Zeitgenossen [!!!] vollkommen nachvollziehbar [! – Herv. MW].“ Aber – aber aber, bekanntlich die deutsche Lieblingswendung! – jetzt kommt’s: „Nur: die heutige Debatte wird nicht mehr von unmittelbaren Zeitgenossen geführt.“ – Geht’s noch? Abgesehen vom blanken Unsinn dieses „Arguments“ soll die Befreiung allein eine für uns bedeutungslose „Sicht der Zeitgenoss_innen“ sein? Aber nein-nein, das schreibt er doch gar nicht! hören wir’s schon vorwurfsvoll tönen. Diese hier zwar vollständig implizierte Konsequenz wird – einfach unterdrückt; statt das auszusprechen, was sich aufdrängt, was man implizit selbst ausgedrückt hat, wird schleunigst das Thema gewechselt, eben weil die Konsequenzen – oder mit Ralfs Worten die „Implikationen“ – des eigenen Denkens ja außerhalb der eigenen intellektuellen Verantwortung fallen sollen! Überhaupt zeugt die ganze Flut an himmelschreiend unsinnigen Argumentationsmustern wie jene im nächsten Satz wieder aberkannte Ebene der „Zeitgenossen“ davon, dass es um die Auseinandersetzung als solche gar nicht ging, sondern vielmehr die vergeblich gesuchte Befriedigung jenes aufgezeigten Widerspruchs die Motivation dieses Artikels bildet. Später lesen wir dann: „Die Alliiierten wurden durch das nazistische Deutschland angegriffen und waren somit die militärischen Gegner Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Glücklicherweise haben sie diesen Krieg gewonnen. Nicht mehr – aber definitiv auch nicht weniger.“ Zu solchen Sätzen ist es vielleicht angemessener zu schweigen. Geschichte wird hier nicht anerkannt; ein derartiges Denken würde sie am liebsten komplett vergessen und sich darin nochmals an den Opfern vergehen; denn würden sie verschwinden so bräuchte die „Herrschaftskritik“ keine Grenze mehr anzuerkennen. Geschichte kommt nur negativ vor, aber diese Negativität wird nicht verarbeitet. Der notwendige Tribut wird verweigert, und die Geschichte, die dem Denken Gewalt antut, soll verschwinden. Oder jedenfalls in „unserer“ Sicht, während der alte geschichtliche Zusammenhang eine großzügig überlassene Spielwiese für die damit schon pathologisierten „Zeitgenossen“ bildet, in der ihnen selbst die „herrschaftsunkritische“ Frechheit gewährt wird, für ihre Befreiung und gegenüber ihren Befreier_innen dankbar zu sein. Ralfs von der Leine gelassene „Kritik“ dagegen übergeht nicht bloß die objektive Geschichte, die materielle äußere Realität, sondern auch die Individuen, die nirgendwo Anerkennung erfahren. Weder die Ermordeten sind es wert, ihrer gedacht und ernst genommen zu werden, noch kommen die ungezählten Menschen, die für den Kampf gegen den Nationalsozialismus ihr Leben geopfert haben, irgendwo vor; Schuld oder gar Dankbarkeit erscheinen der „Herrschaftskritik“ selbstverständlich als die Inkarnationen des Grauens aus einer dunklen Vorzeit. Dass dem Autor schlussendlich eine „oberflächliche Lektüre“ (vielmehr ist ihm auch wirklich nicht gelungen) des bisher zum 13. Februar Geäußerten ausreichend für seine „kritischen Anmerkungen“ ist, die intellektuelle Anstrengung anderer mit einem Handstreich negiert wird, trägt kaum noch zur Verwunderung bei.
Ralf selbst sieht dann auch recht schnell ein, dass mit seiner spitzfindigen Trennung der zwei Ebenen der Widerspruch nicht gelöst wird, und ohne viele Worte geht’s im Text weiter zu irgendwelchen anderen Punkten, die ihm gerade zum Thema durch den Kopf schießen; der Rest des Artikels lässt sich sehr treffend als genau das „Gelaber“ bezeichnen, als welches Ralf das bürgerliche Gedenken verharmlost. Überhaupt misslingt ihm jede Abgrenzung von diesem Gedenken, und das einzige Kritikable daran sieht er in der Verdrehung der historischen Wirklichkeit: „Klar: wenn die Rechte oder der gesellschaftliche Mainstream anfängt, Opferzahlen zu maximieren und von der harmlosen Kulturstadt Dresden […] zu schwadronieren, kann die Linke dazu nicht einfach schweigen“. Abgesehen davon, dass das bürgerliche Gedenken darüber schon längst hinaus ist, ist das hier Gesagte recht dünn, wenn man es vergleicht mit dem, was ihm alles an zusammenhangslosen „Argumenten“ gegen die Alliierten einfällt. Gerade weil die Abgrenzung alles andere als selbstverständlich ist, muss sie mit dem falschen Gestus der Selbstverständlichkeit daherkommen.
Für den Schluss des Textes hat sich der Autor dann noch ein letztes Bonbon aufgehoben, nämlich den Ausweg aus dem erdrückenden Dilemma von Deutschen und Alliierten, von Dresdnern_innen, Täter_innen und Opfern, auf den „die heutige Linke“ gewartet hat. Wir haben zwar nicht mitgezählt, den wievielten vergeblichen Anlauf für diesen Ausweg wir gezeigt bekommen, aber er besitzt eine gewisse Originalität, die hervorhebenswert ist. Es ist nämlich „für die heutige Linke mehr als notwendig, sich im Umgang mit dem 13. Februar ein eigenständiges Instrumentarium zu schaffen […]. Kurz: es gilt, eine eigene Sprache zu erfinden […]“. (Das Zitat wurde etwas gekürzt, da zum restlichen Inhalt bereits ausreichend gesagt wurde.) – Eine eigene Sprache also! Hier spricht die kleine Utopie dieses keine Realität mehr kennenden Denkens! Genau wie nämlich in bestimmten mathematischen Sprachen und Zeichensystemen gewisse Probleme gar nicht auftauchen, soll dieser modephilosophische gag dann die Quadratur des Kreises sein: die historische Wahrheit ausdrücken und zugleich keine Widersprüche mehr auf sich nehmen; die so schwierigen Begriffe von Täter_innen und Opfern einfach loswerden, durch Zeichen ersetzen. Irgendwie halt, irgendwer, irgendwann. Ein zum Scheitern verurteiltes Projekt.

Ekelhaft wird es dann, wenn ein solches unreflektiertes Daherreden, ein Sich-gehen-Lassen in die Verfolgung der eigenen Widersprüche, ein Denken, welches keinerlei Nichtidentität kennt und den Objekten auf Schritt und Tritt Gewalt antut, und sich von den Konsequenzen seiner eigenen Reflexion stets zu distanzieren gezwungen sieht, zu guter Letzt sich auf Adorno berufen will – und ihn dabei himmelweit verfehlt. Zum ersten ist das von Ralf gemeinte: „alles Denken und Handeln so einzurichten“ usw. nicht der „Adornosch[e] Imperativ“; in der Negativen Dialektik lesen wir stattdessen folgendes: „Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: Ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts ähnliches geschehe.“ Und weiter: „Dieser Imperativ ist so widerspenstig gegen seine Begründung wie einst die Gegebenheit des Kantischen.“ Adorno kommt es zu, diesen Imperativ in aller Klarheit konstatiert zu haben; in der Zurechnung zu Adorno liegt bereits eine gewisse Verschiebung, in welcher der Grundstein des antiintellektualistischen Haftbarmachens von identifizierbaren Menschen für die übermächtige Realität gelegt ist. Gleichwohl wir für dieses gerade in der Linken so beliebte Ressentiment in Ralfs Text keine Anhaltspunkte finden, fehlt erneut jede Reflexion auf die Nähe dazu. – Dann aber ist es auch gar nicht möglich, diesem Imperativ „zur Durchsetzung zu verhelfen“. Es gibt keine Befreiung von der Schreckenstat Auschwitz, diese ist geschehen; die Abwehr der Wiederholung bleibt ein stets zu Leistendes. Die „Durchsetzung“ dieses Imperativs würde ihn dagegen paradoxerweise überflüssig machen; hierin liegt die falsche Anziehung, nämlich in der Lizenz, das Denken und Handeln nicht mehr beständig derart einrichten zu müssen, also in der langersehnten Aufhebung des Tabus, welche nur durch eine Autorität geschehen kann; im Wunsch nach dem Vergessen von Tat, Täter_innen, und Opfern, in der Ruhe des Bewusstseins vor dem Widerspruch. Dass Ralfs „Kritik“ dem Gegenteil jener Forderung anhängt, sollte inzwischen klar geworden sein.

Solches, jeden Geschmack beleidigendes „Gelaber“ steht leider alles andere als allein; die literarische Heimat findet Ralfs Artikel in der linken Dresdner Zeitschrift „ctrl_f“, und zwar keineswegs zufällig. Wenn Leute, denen ein früherer politischer oder „kritischer“ Anspruch unterstellt werden muss nun eine Zeitschrift mit veganen Kochrezepten (sic!), autonom-alternativen lifestyle-Empfehlungen und folgenlosen Debatten über Lokalpolitik und Musikstile herausgeben, so ist dort genau das ex-, post- oder restlinke Milieu der intellektuellen Abrüstung im Entstehen, das zu Äußerungen über Texte wie den hier behandelten hinaus nicht mehr in der Lage ist; sich zum einen von jedem verbindlichen politischen Anspruch und jeder Äußerung fernhalten möchte, zugleich aber diese für die Aufrechterhaltung der eigenen linken Identität dringend benötigt. Welchen Weg dem in dieser Konstellation schlummernden Rohmaterial für „linke“ Ressentiments gegeben wird, wird die Zukunft zeigen.

Herrschaftskritik ist keine Gesellschaftskritik. Weder die moderne Gesellschaft noch die vormodernen lassen sich irgendwie als Herrschaftsgebilde begreifen, vielmehr werden sie dadurch komplett verfehlt. Eine Kritik der modernen Gesellschaftlichkeit kann sich nicht an derartigen obendrein noch falschen Abstraktionen wie Herrschaft, Ausbeutung, Unterdrückung usw. entlanghangeln, sondern muss die konkrete Konfrontation mit den gesellschaftlichen Resultaten suchen; muss dabei zugleich die Spannung aushalten, dass diese gesellschaftlichen Katastrophen von einer an sich harmlos anmutenden bürgerlichen Gesellschaft produziert wurden, aus dieser aber nicht unmittelbar folgen, vielmehr es den Individuen zukommt, die gesellschaftlich bedingten Widersprüche negativ zu verarbeiten. Die Ideologiekritik, die bei Ralf nur als mysteriöses Wort vorkommt, ist die Grundbedingung für die menschliche Emanzipation.

***

In der jüngsten Vergangenheit ist ein Text wie dieser von mir verfasste in Dresden nicht erschienen, was Anlass für ein kurzes Nachwort gibt. Die Länge dieses Textes war notwendig, und wer ihm einen Vorwurf daraus machen will, zeigt damit nur die eigene fehlende Bereitschaft für die eben nicht ohne Anstrengung zu habende unabdingbare Diskussion über die eigenen „Inhalte“, wie es genant wird. Praxis und Theorie stimmen wenigstens hierin überein, dass beide nicht „zum Mitnehmen“ erhältlich sind, und wer nach dem Theorieburger verlangt bekommt nur das Kindermenü. Es ist sehr schade, dass niemand vom Vorbereitungskreis willens oder in der Lage war, eine hinreichende Antwort auf Ralfs Text zu verfassen, und der nun vorliegenden Analyse fehlt leider die Reflexion auf die jahrelange Tradition der linken Auseinandersetzung mit dem 13. Februar. Wie aber zum Tage bereits um die Überreste dieser in einem schlammigen Desaster zu versinken drohenden Tradition gefeilscht wird, war es dringend notwendig, jenem ganzen unredlichen „kritischen“ Diskurs an der 13. Februar-Mobilisierung endlich einen Riegel vorzuschieben, dabei aber gerade die Verknüpfung zwischen dem Schweigen des darin „angeklagten“ (oder genauer: denunzierten) Vorbereitungskreises und den Halbheiten jener schlechten „Kritik“ aufzuzeigen, schlussendlich auch die Quelle beider in der Sache selbst zu beleuchten; also nicht bloß im unerschöpflichen Stile erneuter „Anmerkungen“ auf die Widersprüche und Unhaltbarkeiten in Ralfs Artikel „hinzuweisen“, der Debatte nicht bloß einen weiteren „Standpunkt“ anzuhängen, sondern den verschlungenen Weg auf die zugrunde liegenden Fragen selbst freizulegen. Dazu war bereits eine größer angelegte Analyse vor Erscheinen von Ralfs Artikel in Arbeit, die sich jetzt durch diese (zuerst nicht derartig lang intendierte) Antwort größtenteils erledigt hat. Es sollte dabei hinreichend deutlich gemacht worden sein, dass eine solche „Kritik“ an „linken Wahrheiten“, diese ganze „kritische Fragen“-Stellerei und das Heer von „Anmerkungen“ über „Implikationen“ usw. an einen Widerspruch anknüpft, welcher, solange er unbewusst bleibt, zu katastrophalen Auswirkungen und einer handfesten Ideologieproduktion führen wird. Ralf schreckt vor den Resultaten dieses Denkens zurück, und es war gerade deshalb notwendig, sie aufzuzeigen; auch die verschiedenen Anknüpfungsstellen für eine mögliche antiintellektualistische und antisemitische Verarbeitung dieser Widersprüche. Es ist zu Anfang dieses Textes hervorgehoben, dass es Ralf angerechnet werden muss, in dieser Nicht-Debatte das Wort ergriffen zu haben, nichtsdestotrotz das von ihm Geschriebene mehr als genug Anlass zur Kritik gab. Es geht hier nicht um das „bashing“ von Personen, gleichwohl die persönliche Verantwortung für das eigene Denken und Handeln unbedingt eingeklagt werden muss; und hierbei muss klar ausgesprochen werden, dass ein Denken vom Schlage dessen, was Ralf hier vorführt, antiemanzipatorischen Charakter trägt, auch wenn es das nicht wahr haben will. Die Interpretation solcher widersprüchlichen Texte ist notwendig selbst widersprüchlich, wenn sie ihnen nicht Gewalt im Denken antun will, was andererseits ob ihres Inhalts nicht ganz ungerechtfertigt wäre. Sofern nicht dialektisch und undialektisch zugleich gedacht wird, ist jedes Anrecht auf Wahrheit verloren. Wenn Ralf sein Denken als bloße Baustelle belässt, so ist ihm gerade das zugute zu halten, nämlich dass er den so naheliegenden Ausweg in die Ideologiebildung und ins Ressentiment nicht wahrnimmt, seine Ablehnung dieser jeder Emanzipation verfeindeten Gedankengebilde umso höher angeschlagen werden muss also, je stärker diese sich eigentlich aufdrängen.

Noch ist nichts verloren. Das Festhalten an solchen „kritischen“ Positionen muss jedoch ab sofort, nachdem ihre Wahrheit ausgesprochen ist, als eindeutiges Zeichen interpretiert werden.

Markus Winterfeld
für die Gruppe »Black Monday«. Dresden, Juli 2008


6 Antworten auf “Die böse Geschichte”


  1. 1 AAD 16. Juli 2008 um 14:43 Uhr
  2. 2 BM 02. August 2008 um 18:14 Uhr

    Zur Dokumentation der Debatte: hier Ralfs bisher noch nicht online verfügbarer Artikel aus der ctrl_f!

    Linke Wahrheiten?
    Einige herrschaftskritische Anmerkungen zur linken Debatte um den 13. Februar

    In der Nullnummer dieser Zeitung vom Februar 2008 wurde sich seitens der Herausgeber_innen dagegen entschieden, den Mobilisierungsaufruf zum 13. Februar 2008 abzudrucken. Zu gering sei der Erkenntnisgewinn, zu routiniert und eingeschliffen der Text in Aufbau und Analyse. In der Tat haben sich, erkennbar selbst bei lediglich oberflächliche3r Lektüre, in den vergangenen Jahren einige „linke Wahrheiten“ in der antifaschistischen Debatte um den 13. Februar herausgebildet und festgesetzt.
    Als erstes und sicher auch in exponierter Lage ist die strikte Betonung der kollektiven Schuld der „deutschen Volksgemeinschaft“ zu nennen, wie umfassend und sich ihrer selbst bewusst sich diese auch gewesen sein mag. Zum zweiten erscheint die Forderung nach einer stärkeren Kontextualisierung der Bombardierung Dresdens. Zum dritten schließlich und eng mit der zweiten Setzung verbunden liegt die Betonung auf der militärischen Notwendigkeit der Bombardierung. Alle Punkte lassen sich als entschiedene Absage an jegliche als geschichtsrevisionistisch empfundene Wahrnehmungen zusammenfassen.
    Zu den Implikationen dieser Annahmen nimmt dieser Text Stellung.

    Ist es zum Weinen oder Lachen, wenn Linke sich als Militärstrategen versuchen? Klar: wenn die Rechte oder der gesellschaftliche Mainstream anfängt, Opferzahlen zu maximieren und von der harmlosen Kulturstadt Dresden, die ohne ersichtlichen Grund von Flächenbrand und Tieffliegerei getroffen wurde, zu schwadronieren, kann die Linke nicht einfach schweigen.
    Daraus resultierte in den vergangenen Jahren der dauerhafte Versuch, das Gegenteil zu beweisen. Schon die ein- und ausleitenden Worte der Mobilisierungstexte der letzten Jahre sprechen eine deutliche Sprache: „no tears for krauts“, „Deutsche Täter sind keine Opfer“, „Bomber Harris do it again“; in jedem Fall soll unmißverständlich klargemacht werden, dass es schon seine Richtigkeit hatte mit der militärischen Niederringung der deutschen Mehrheitsbevölkerung. Und tatsächlich existiert kein linkes Mobilisierungspapier zum 13. Februar seit 1997, welches nicht versuchte, den Nachweis der militärischen Notwendigkeit der Bombardierung zu führen. „Die Frage nach dem militärischen Sinn der Zerstörung Dresdens ist gegenstandslos; dieser Luftangriff war Teil eines Krieges, der von Deutschland ausging, in dem Deutschland niedergeworfen werden musste, um ein Mindestmaß an Zivilisation zu verteidigen.“ Schrieb beispielsweise die Antinationale Gruppe Leipzig 1997 und beweist mit ihrer Feststellung, dass entgegen der Behauptung sogar ihr selbst die aufgeworfene Frage nicht ganz gegenstandslos zu sein schien. Als ausgemachte Experten in Sachen erfolgreicher antifaschistischer Kriegsführung traten auch die Verfasser_innen des bundesweiten Aufrufs „no tears for krauts“ 2005 auf. Angesichts der in der Öffentlichkeit zunehmenden Gleichsetzung deutschen und alliierten militärischen Verhaltens im Zweiten Weltkrieg „gilt es, die Notwendigkeit des alliierten Angriffs auf Dresden stark zu machen. Dem Begriff der militärischen „Sinnlosigkeit“ ist die Richtigkeit auch flächendeckender Bombardements entgegenzuhalten, denn sie symbolisieren das Ausschöpfen aller Möglichkeiten, dem Nationalsozialismus ein Ende zu bereiten.“ Deutlich wird an allen Stellen das argumentative Eintreten für die unbedingte Notwendigkeit eines als antifaschistisch und zivilisatorisch verstandenen Krieges – mit allen Mitteln.

    An dieser Stelle gilt es, den Versuch einer Trennung zweier zeitlich voneinander geschiedener Betrachtungsweisen vorzunehmen. Einerseits existiert die Sicht der damaligen als Opfer betroffenen Zeitgenossen, andererseits aber die einer heutigen Linken, die ohne äußeren Druck darüber zu entscheiden in der Lage ist, wie sie das damalige realpolitische Geschehen aufnimmt und für sich bewertet.
    Unantastbar steht zunächst die während der Zeit des Nationalsozialismus von Seiten der Angegriffenen und Opfer als unbedingte Notwendigkeit angesehene militärische Niederringung und letztendliche Zerschlagung des Deutschen Reiches. Angesichts des voll entfalteten NS-Staates, unter den Bedingungen eines Weltkriegs, bei dem es nur noch eine Frage der zeit bis zum Einslatz atomarer Waffen von deutscher Seite war, angesichts der ungebrochne fortschreitenden Vernichtung der europäischen Juden, angesichts der Rede vom „totalen Krieg“ im Sportpalast; vor allem aber angesichts der offenkundigen Unfähig- oder Unwilligkeit der deutschen Bevölkerung, diesem System den Garaus zu machen, erscheint dies mehr als verständlich. Die Freude über beispielsweise die militärische Niederlage der Deutschen vor Stalingrad und selbstverständlich auch über den Sieg im Mai 1945 ist literarisch vielfach belegt und aus Sicht der betroffenen Zeitgenossen vollkommen nachvollziehbar. Nur: die heutige Debatte wird nicht mehr von unmittelbaren Zeitgenossen geführt. Die Beteiligten stehen heute nicht unter dem Zwang der Abwehr eines auf Vernichtung und Unterwerfung gepolten politischen Systems. Dadurch muss es heute möglich sein, eine eigenständige linke Kritik auch am Verhalten der Alliierten zu formulieren, statt einer militärischen und herschaftsbejahenden Geschichtsbetrachtung zu frönen.
    Kann es nicht auch von Vorteil sein, mit dieser komplexeren Betrachtungsweise die „Abziehfolie Deutschland“ wenigstens in Teilen zu verlassen und demgegenüber eine generellere Kritik an spezifischen Herrschaftsverhältnissen zu formulieren, die keineswegs alle zu wahlweise Tätern oder eben Opfern werden lässt, die sich nicht einreiht ins Gelaber von „angloamerikanischen Kriegsverbrechen“, die kritisch bleibt gegenüber einer Epoche und trotzdem humanistisch?
    Statt aber aus linker Perspektive ideologie- und herrschaftskritisch auf die Vergangenheit zu schauen wird weggelassen und eingeebnet, was nicht ins heutige Weltbild passt. An vielen Stellen wird in Folge dessen die bei anderer Gelegenheit so vehement geforderte Kontextualisierung nicht geleistet. Die alliierte Asylpolitik im Allgemeinen, das Scheitern der Konferenz von Evian sowie die weitestgehende Verhinderung jüdischer Emigration nach Palästina durch die Briten im Besonderen; das Schweigen bei der Annexion Österreichs (mit Ausnahme von Mexiko); der deutsch-sowjetische-Nichtangriffspakt mit anschließender Besetzung Ostpolens durch die SU inklusive gemeinsamer Siegesparade in Brest im September 1939; Stalins Befehl „Nicht einen Schritt zurück!“ (der „jeden Flüchtenden und jeden Feigling“ in der Roten Armee zu erschießen versprach); die amerikanischen Atombomben; nicht zuletzt der virulente Antisemitismus in Polen, der Sowjetunion und anderswo. Schon anhand dieser Beispiele sollten sich bestimmte Artikulationen seitens einer Linken, so sie diesen Namen noch tragen will, von vornherein verbieten: Alliierten fahnen auf antifaschistischen Demonstrationen beispielsweise, oder aber Geschwätz wie das von der Verteidigung eines Mindestmaßes an Zivilisation durch Flächenbombardements.
    Die Alliierten wurden durch das nazistische Deutschland angegriffen und waren somit die militärischen Gegner Deutschlands im Zweiten Weltkrieg. Glücklicherweise haben sie diesen Krieg gewonnen. Nicht mehr – aber definitiv auch nicht weniger.

    Stets war es originäres Anliegen linker Politik, ausgehend von der Grundlage der angenommenen unveräußerlichen Gleichheit aller Menschen, die gesellschaftlichen Bedingungen und Ursachen zu ergründen und zu bekämpfen, die ihn überall in Ketten liegen lassen. Dieser Versuch setzt die Absage an staatliche Realpolitik voraus. Statt also weiterhin die unkritische Parteinahme auf Seiten der militärischen Gegner Deutschlands zu betreiben wäre es für die heutige Linke mehr als notwendig, sich im Umgang mti dem 13. Februar ein eigenständiges Instrumentarium zu schaffen, mit dem sich die Bedignungen der Entstehung der nationalsozialistischen Ideologie erfassen und das eine auf dieser Ideologiekritik fußende politische Praxis zu entwickeln in der Lage ist. Kurz: es gilt, eine eigene Sprache zu erfinden, die einerseits jenseits des aktuellen Versuches steht, einfach Alle zu Opfern zu erklären, die aber andererseits die Bejahung von Herrschaft und Militärlogik vermeidet. In dieser Sprache kann es keinen Platz für die Idee des zivilisatorischen Krieges geben.

    Nicht das politisch-militärische Kalkül, welcher Staat sich im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wie verhalten hat oder wenigstens hätte verhalten müssen, ist von Interesse, sondern die Frage, ob es der heutigen Linken möglich ist, eine eigenständige herrschaftskritische Position jenseits militärstrategischer Notwendigkeiten und realpolitischer Beurteilung der Lage im Nationalsozialismus zu finden. Nur eine solche eigenständige Positionierung wird in der Lage sein, dem Adornoschen Imperativ, alles Handeln so einzurichten, daß Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts ähnliches geschehe, zur Durchsetzung zu verhelfen.

  3. 3 BM 12. Oktober 2008 um 13:23 Uhr

    Ein weiterer Text zur Debatte ist erschienen, momentan nicht online verfügbar, daher hier:

    Linke Lügen
    Antwort auf Ralf

    Nachdem schon in der ersten Ausgabe dieser Zeitung dem Aufruf zum 13. Februar aus fadenscheinigen Gründen der Abdruck verweigert wurde, wird nun schon deutlicher welche Ansichten im Kreis der HerausgeberInnen vertreten werden.
    Der Text von Ralf aus der 3. Ausgabe dieser Zeitung verschlägt einem glatt die Sprache. Er verspricht „herrschaftskritische Anmerkungen zur linken Debatte um den 13. Februar“ (Dieses und alle folgenden mit R. gekennzeichneten Zitate entstammen dem Text., „Linke Wahrheiten?“ von Ralf aus der ctrl_f Nr.3).

    Zum Thema 13.Februar von Herrschaftskritik zu schwafeln und „eine eigenständige, linke Kritik auch am Verhalten der Alliierten“ (R.) zu fordern, ist nun in ungefähr so originell, wie wenn das Gespräch auf Israel kommt, auf eine Kritik von Staatlichkeit und Militärs zu insistieren. Darin und auch im weiteren Verlauf seiner „Anmerkungen“, offenbart sich die Unfähigkeit zwischen Besonderem und Allgemeinem zu unterscheiden und beides ins Verhältnis zu setzen – das nur am Rande.
    Originell ist seine Forderung auch deswegen nicht, weil die jüngere Geschichte des 13. Februar in Dresden sehr anschaulich zeigte wie es aussieht wenn Leute aus dieser Motivation heraus praktisch werden und zur Tat schreiten. Seit den 60ern gab es in Dresden kein öffentliches „Gedenken“. Bis 1982 Personen aus der linken, oppositionellen Friedensbewegung aus der gleichen Motivation heraus auf die selbe Idee kamen wie Ralf und meinten am 13. Februar Herrschafts- und Militärkritik betreiben zu müssen und sich zu diesem Zweck vor der Ruine der Frauenkirche versammelten. Die Folgen sind bekannt: wenige Jahre später sprangen Kirche, Stadt und Bürger – also das was sich heute Zivilgesellschaft nennt – mit ins Boot und übernahmen das Steuer dieser reaktionären Bewegung. Und bald schon konnte im Kulturpalast ein allseits bekannter Holocaustleugner, auf Einladung der Stadt, seine Thesen verbreiten.
    Kurz und schlecht: Es wurde den Nazis ein Klima geschaffen, in dem sie sich wohlfühlen können und nicht mit Widerstand rechnen müssen.
    Das Ralf nun tatsächlich einen der Gründe, der zu diesem widerlichen Zuständen geführt hat, als Medizin dagegen preist, zeigt nur seine völlige Verkennung der Realität, speziell derer, die hier in Dresden vorzufinden ist.

    Die Absurdität Pazifismus zu betreiben, was ja eine implizite Forderung von Ralf´s Text ist, wird in der Konfrontation mit dem Nationalsozialismus nur allzu deutlich. (Aber auch mit dem Islamofaschismus, der ja meint: „Ihr liebt das Leben – wir lieben den Tod!“.) Um die Wahrheit nun trotzdem umzulügen und die Lüge zur Wahrheit zu machen, empfiehlt sich natürlich das postmoderne, diskurstheoretische Geschwätz, in dessen Duktus er die Trennung zwischen den „damaligen als Opfer betroffene Zeitgenossen“ (R.) einerseits, denen er gnädigerweise zugesteht sich über die Niederlagen der Deutschen zu freuen, und „einer heutigen Linken“ (R.) andererseits, einführt. Diese speziell linke Art der Schlussstrichpolitik ignoriert, das die Verhältnisse fortleben die zu Auschwitz geführt haben. Also eine Ökonomie, die ihrem Wesen nach den Menschen zu ihren Anhängsel macht, deren Erscheinung sich allerdings im Bewusstsein des einzelnen fetischisiert, als Ideologie widerspiegelt. Sie ignoriert auch die Gefahren die diese Ideologien, besonders die in der islamischen Welt äußerst virulente Antisemitische, aktuell darstellen.
    Aber weiter im Text: Da „die Beteiligten (…) heute nicht unter dem Zwang der Abwehr eines auf Vernichtung gepolten politischen Systems (stehen)“ (R.) – als gäbe es keinen politischen Islam, als gäbe es nicht von diesem das ständige Versprechen, Israel zu vernichten und als würden seine Protagonisten nicht geflissentlich in die Tat umsetzten, was sie jedem erzählen der es hören will: durch den Bau von Atombomben, durch den Terror der Hisbollah und der Palästinenser – „muss es möglich sein, eine eigenständige linke Kritik auch am Verhalten der Alliierten zu formulieren“ (R.).
    Statt Selbstkritik zu betreiben, das Versagen der Linken im Angesicht des Nationalsozialismus zu analysieren und die entsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen, zu denen auch gehören sollte, gerade am 13. Februar, und im Bewusstsein das gerade auch im Antiamerikanismus die Volksgemeinschaft (aber auch die Umma) zu sich selbst kommt, das die Bürger der Vereinigten Staaten sehr wohl Dank verdienen, dafür das sie betrieben haben und betreiben, was eigentlich Anspruch der Linken ist: nämlich Antifaschismus. Jene also zu bekämpfen – wenn es sein muss auch militant – die noch hinter die Freiheiten und Zumutungen der bürgerlichen Gesellschaft zurückfallen wollen. Statt – wenn es schon die marginale Linke nicht selber schafft der Barbarei etwas ernsthaftes entgegenzustellen und aktuell auch nicht schaffen will, da sie lieber mit den Feinden der Freiheit kollaboriert – solidarisch mit denen zu sein die die Aufklärung noch gegen jene verteidigen die sie negativ aufheben wollen, ist für Ralf nur klar, das es keinen „zivilisatorischen Krieg“ (R.) geben kann. Obwohl gerade die jüngere Geschichte Deutschlands das Gegenteil belegt.

    Die Lehre der Deutschen aus Auschwitz ist deswegen falsch. Denn diese lautet ja bekanntermaßen eben nicht: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Nationalsozialismus!“, sondern: „Nie wieder Krieg!“, und in ihrer Konsequenz: „Nie wieder Krieg gegen Faschismus!“. Die Katastrophe war für sie nicht die Ermordung ihrer jüdischen NachbarInnen, die sie durchführten, sondern die Umsiedlung der Deutschen („Vertreibung“); der Zivilisationsbruch nicht die rauchenden Schornsteine von Auschwitz, sondern die Bombardierung von Dresden.
    Dieser, auf einen Opfermythos beruhende, Pazifismus macht zu einem wesentlichen Teil das Selbstverständnis des postnazistischen Deutschlands aus. Ein Pazifismus, der sich in Gegensatz zu den USA und Israel stellt; denen er es zum Vorwurf macht unilateral und militärisch ihre Interessen durchzusetzen. Interessen politischer und ökonomischer Natur, die, im Rahmen des unvernünftigem Ganzen, vernünftig und der Aufklärung verpflichtet sind und im Gegensatz stehen zur Unvernunft und zum Wahn derer, denen die Friedensfreunde, unter Hinweis darauf das Israel und die USA auch welche haben, den Bau von Atomwaffen zugestehen. Diesen Pazifismus weltweit durchzusetzen, ist das ach so geläuterte Deutschland angetreten und versucht es über EU oder UNO nach Kräften.

    Es ist heute die Appeasementpolitik der
    Europäer und im besonderen Deutschlands (Das nebenbei bemerkt größter Handelspartner des Irans ist.), ihr „kritischer Dialog“ – statt effektive Sanktionen zu verhängen und alle nichtmilitärischen Mittel zu nutzen um Druck auszuüben und denn Iran vom Atomwaffenbau abzubringen – der einen Angriff auf den Iran erst notwendig machen.
    Es gilt sich klarzumachen: Islamismus und Pazifismus sind deutsche Ideologie auf der Höhe der Zeit. Während die einen den Krieg gegen die Juden und den Westen gewaltsam führen, halten die anderen ihnen aus Antiamerikanismus, Antisemitismus oder bestenfalls grenzenloser Ignoranz und Naivität den Rücken frei. Ihre Einigkeit in der Ablehnung und Dämonisierung der USA und Israels, korresprondiert mit ihrer Ablehnung individueller Freiheit. Unter Freiheit verstehen sie nur die der autochthonen Kollektive vom „amerikanisierten“ Westen, der Aufklärung und Zivilisation.

    Aus diesen Gründen kann es nicht Aufgabe einer emanzipatorischen Linken sein, die Deutschen in ihren Glauben an ihr Opferdasein und ihrer daraus resultierenden Friedenssehnsucht – die nur den Frieden mit den schlechten Verhältnissen wie sie sind und Frieden mit denen, die noch furchtbarere erkämpfen wollen bedeutet – zu bestärken, sondern es muss darum gehen, die gerade am 13. Februar sich in extremer Weise zeigenden Mythen und Ideologien anzugreifen. Statt also „Militärkritik“ (R.) zu betreiben, gilt es Pazifismus, Apeasementpolitk und die antiamerikanische und antisemitische Friedensbewegung, also die deutsche Ideologie in ihrer postnazistischen Form zu denunzieren. Gilt es den Deutschen im allgemeinen und den Dresdnern im besonderen, immer wieder vorzuhalten was Eike Geisel schrieb: „Mit dem beständigem Hinweis (…), daß Deutschland aufgrund seiner eigenen Geschichte eine besondere und weltweite Verantwortung für den Frieden habe, soll vor allem eine deutsche Errungenschaft der jüngeren Geschichte vergessen gemacht werden: das nämlich der einzige deutsche Beitrag zur Zivilisation im 20. Jahrhundert darin besteht, den Krieg als Mittel der Politik eben nicht abgeschafft, sondern im Gegenteil ihn als Sachverwalter der Humanität überhaupt erst möglich gemacht zu haben.“ (Eike Geisel, Die Banalität des Guten, 1992, S. 121).

    Wer zudem, wie Ralf in seinem Text, wiederholt auf „Herrschaft“ und die dringende Notwendigkeit sie zu kritisieren verweist, ohne je zu konkretisieren was für Herrschaft gemeint ist – ohne also zu verdeutlichen das nicht persönliche Herrschaftsverhältnisse, sondern die apersonelle Herrschaft des Wertgesetzes, also ein ökonomische Verhältniss, die gesellschaftliche Realität formt, durchdringt und diese seiner Logik unterwirft, und die jeder reproduziert der eine Ware, und dazu gehört bekanntlich auch die Arbeitskraft,
    kauft oder verkauft – der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Verhältnisse zu verschleiern statt aufzuklären. Der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, in den antisemitischen Kanon einzustimmen der hierzulande von links bis rechts gesungen wird und der notwendig in die Barbarei führt. Denn unter welcher Herrschaft die Deutschen sich und jene Völker und Banden, mit denen sie sich verbünden und solidarisieren, wähnen, ist offensichtlich: das gewissenlose internationale Finanzkapital (die sogenannten Heuschrecken), die Wallstreet, Amerika, die Juden und ihr Staat – Israel. (Zur Verbreitung des Antisemitismus in Deutschland und Europa vgl.: W. Heitmeyer (Hrsg): Deutsche Zustände, Folge 2 Frankfurt/M (Suhrkamp) 2003; Euro-barometer, h__p://europa.eu.int/comm/puplic-opinion/archives/flash-arch.htm 2008; EUMC – Studie „Manifestations of
    Anti-Semitism in the European Union – First Semester 2002 -Synthesis Report “ Wien 2003)
    Hier gilt: wer nicht von der Kritik der politischen Ökonomie und der dieser Ökonomie adäquaten Ideologien reden will, soll zu Herrschaftskritik schweigen.

    Dieses ideologische Gebräu noch mit einem Zitat von Adorno abzuschließen, welches in seinem Zusammenhang, aus dem es gerissen wurde, das Gegenteil von dem meint was Ralf in seinem Text fordert und behauptet, ist dreist.
    Adorno schrieb: „Hitler hat den Menschen im Stande ihrer Unfreiheit einen neuen kategorischen Imperativ aufgezwungen: ihr Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts ähnliches geschehe.“ (Negative Dialektik, Frankfurt a. Main 1966, S.358). Das ist kein Aufruf zur sozialen Revolution, um die befreite, selbstbewusste Gesellschaft zu erreichen, und erst recht ist er nicht geeignet Ralf´s Ausführungen zu stützen, sondern eine Aufforderung, im Bewusstsein der momentanen Unmöglichkeit dieser Emanzipation der Menschen – die „im Stande ihrer Unfreiheit“ eben statt Emanzipation, lieber Reaktion und Barbarei wählen – das schlimmste – „Auschwitz“ – zu verhindern, um die Möglichkeit offen zu halten eine Gesellschaft „in der man ohne Angst verschieden sein kann“ (Adorno, Minima Moralia, S.116, Frankfurt a. Main 1951) letztlich überhaupt noch erreichen zu können. Diese Gesellschaft steht im übrigen im Gegensatz zu der von Ralf hochgehaltenen „unveräußerlichen Gleichheit aller Menschen“ (R.), die angeblich „stets originäres Anliegen linker Politik“ (R.) war. Was sie von der bürgerliche Gleichheit, der Gleichheit im Tausch und im Recht unterscheidet, bleibt offen. Spiegelt sich doch in der Forderung nach Gleichheit, wenn auch ungewollt, der Wille zum Kollektiv und die Verneinung des Einzelnen wieder wie es typisch für die deutsche Ideologie ist. Und da Ralf schon Adorno in Spiel bringt, sei mir erlaubt, ihm mit Adorno zu entgegnen: „Eine emanzipierte Gesellschaft jedoch wäre (…) die Verwirklichung des Allgemeinen in der Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee propagieren.“ (Adorno, Minima Moralia, S.116).

    Statt wie versprochen Anmerkungen zu liefern bietet der Text „Linke Wahrheiten?“ bewusst nur Andeutungen und undeutliches Geraune. Es ist der Versuch sich nicht zu positionieren um sich einer Kritik zu entziehen. Ein sich aus der, ohne Frage, erbärmlichen Realität herausheben und heraushalten, um von dort aus „ein eigenständiges Instrumentarium zu schaffen, … eine eigene Sprache zu erfinden“ (R.), mit der die Verhältnisse so verschleiert werden können, dass das friedensbewegte Weltbild nicht ins wanken gerät, das nicht mit jenem Unsinn gebrochen werden muss, den Ralf für links hält und der leider die Linke aktuell tatsächlich ausmacht. Dies lässt einen mehr oder weniger deutlichen Blick auf das dahinter liegende Denken bzw. Nichtdenken zu.
    Die von ihm geforderte „Absage an staatliche Realpolitik“ (R.) ist in ihrer Konsequenz eine Absage an Israel und dessen Notwendigkeit. Sie zeigt, das Ralf weder vom Antisemitismus noch von der mörderischen Form der Krisenbewältigung, wie sie in Deutschland durchgeführt wurde, etwas verstanden hat.
    Statt Kritik, die ihm ja vorgeblich am Herzen liegt, zu schärfen, statt dazu beizutragen sich einen Begriff von der Sache zu machen, offenbart sich die Verweigerung vor den Anstrengungen und Konsequenzen, die mit einen zuende denken seiner „Anmerkungen“ und Fragen verbunden wäre. Dann würde auch deutlich, dass das was Ralf als „herrschaftskritische Anmerkungen“ bezeichnet, nichts anderes als eine Sammlung von Unterstellungen, Widersprüchen und Lügen – deutsche Ideologie par excellence – ist, die vollständig aufzuzählen und zu widerlegen erstens den Rahmen sprengen würde und zweitens bedeuten würde, Ralf´s „Anmerkungen“ in den Status der Diskussionswürdigkeit zu erheben, sie also unnötig aufzuwerten.

    Dan

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