»Ein Leben im Kampf oder keins?«

Zur weiteren Dokumentation der Diskussion um den den 13. Februar in Dresden wollen wir hiermit auf den folgenden Text von neel hinweisen, der sich kritisch mit den Positionen der Gruppe ¡No pasarán! und Konsorten auseinandersetzt:

Ein Leben im Kampf oder keins?

In einschlägigen Veröffentlichungen und auf Transparenten, Plakaten und Aufklebern erklärter dresdener Antifaschist_innen finden sich immer wieder Hinweise auf ein „Leben im Kampf“, das mit Sturmgewehren, Bombenterror, Steinen und Ähnlichem geführt wird, bzw. geführt werden soll (z.B. AK-47 auf Transpi/ „heute sprengen wir den Bundestag“ – Aufkleber).
Armeekleidung und sogar Wehrmachtsaccessoires werden in den erklärt humanistischen und militärfeindlichen Kreisen zum chic kultiviert. Die militante, körperliche bzw. handfeste Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner, also Nazis wird gesucht und in einer Black-Block-Romantik glorifiziert. Da gibt es Lederhandschuhe, Teleskopschlagstöcke, Flaschen, Steine und sonstige Waffen…
Sobald nun aber ein Konflikt den Rahmen eines Faustkampfes übersteigt (siehe 13.2.45), mensch jedoch innerhalb des eigenen, fest zementierten Wert- und Ideologiegefüges bleiben will, muss folglich natürlich die konsequente Fortführung eben dieser eigentlich abgelehnten, aber doch provozierten und implizierten Gewalt und die Bereitschaft, Gewalt anzuwenden ablehnen. Um dieses Dilemma besser beschreiben zu können, wird auf das antimilitaristische Grundverständnis einer diffusen Bauchlinken verwiesen und Pragmatik, und somit die Realität abgelehnt, bzw. nur bis zu einem gewissen, der eigenen Ideologie noch pässlichen Punkt betrieben. Das nennt sich dann „linksradikale Militärkritik“.
Doch weil nicht sein kann was nicht sein darf, müssen sich konkrete, nicht verhandelbare geschichtliche Ereignisse hergenommen,„kritisch reflektiert“ und die Militäraktionen (die ja von Seiten internationaler Antifabrigaden begrüßt worden wären) der alliierten Befreier_innen im Nachhinein diskreditiert, sogar verurteilt werden. Eben diese Nichtbetrachtung, die Ablehnung der kausalen Zusammenhänge, die den Operationen der ungeliebten „Nationalstaaten“ gegen die Deutschen zu Grunde liegen, machen den so genannten Konflikt (der ein emotionaler, also nicht rationaler ist) innerhalb einer linken Bewegung überhaupt erst möglich. Die Parole der Stunde ist dann „linksradikale Militärkritik“.
Wenn dann die Rede von einer Befreiung vom einen Feind (Faschismus) durch einen anderen Feind („Kapitalistische Nationalstaaten“– so auf http://anarchiadd.blogsport.de) ist, wird schon deutlicher, was hier im neuen „innerlinken“ Diskurs läuft – nämlich die bewusste Verdrehung und Verschleierung historischer Fakten, zugunsten der eigenen Ideologie. Das nennt sich dann eigentlich Geschichtsrevisionismus, hier aber wird „differenziert“ und zwar was das Zeug hält – die kollektive Unschuld wird propagiert, die alliierten Intentionen in Frage gestellt, letztlich die militärische Intervention zur Zerschlagung der faschistischen, nationalsozialistischen Gesellschaft, die zum Zeitpunkt der Bombardierungen Dresdens munter weiter Jüdinnen und Juden deportierte und industriell vernichtete (nicht etwa die „Regierung“ oder die „Machthaber_innen!) delegitimiert und zu Unrecht gemacht.
Dabei wird aus der relativ einfachen Kausalität ein Differenzierungsbrei, der das Wesen der Sache, nämlich die Intervention gegen Nazideutschland (die ja auch innerhalb der linken noch als tendenziell positiv gewertet wird) die mit Millionen menschlichen Opfern auf Seiten der angeblich völlig unbeteiligten und ignoranten Alliierten verbunden war, verwischt und ihnen im Nachhinein negativ ausgelegt wird. Damit reiht mensch sich in den Kanon der Argumentation und Auslegung der Geschichte durch eben die besiegten Deutschen ein.
Dass die Befreier_innen zunächst von den Nazis nicht als diese, sondern als Besatzer_innen betrachtet wurden, kann ich hier nur in der entgegengesetzten Argumentationsmotivation anführen mit der es ins Positionspapier des No Pasaran! Vorbereitungskreises geschrieben wurde – natürlich waren die Alliierten für sie nicht die Befreier_innen, sondern diejenigen, die den deutschen Volksplan, des juden- und „untermenschenfreien“ germanischen Großreiches zerschlugen.
Dass aber in einer sich selbst als „links“ und „kritisch“ labelden Aufrufgruppe bewusst verschwiegen bzw. aberkannt wird, dass zum Beispiel Großbritannien und Frankreich den Deutschen bereits Anfang September 1939 den Krieg erklärten und in den USA ein Boykott deutscher Waren (weil eben doch „systemkritisch“; durchaus gab es den durch No Pasaran! geleugneten Gegensatz der Systeme – ein westliches Nationenverständnis, welches an der bürgerlichen Revolution, der Aufklärung und am bürgerlichen Individuum orientiert ist vs. ein die Individualität negierendes, an Herkunft, kulturellen Background und „Rasse“ gebundenes, kollektivistisches Nationenverständnis, welches mensch durchaus als „deutsches“ bezeichnen kann) ausgerufen wurde bevor dann unter dem Losung „Germany first“ erst der deutsche Faschismus und dann erst Japan bekämpft wurden, um die Alliierten zu diffamieren, kann ich nicht verstehen und auch nicht so stehen lassen.
Um das zu erkennen und anzuerkennen muss mensch kein „Militärstratege“ oder ähnliches sein, sondern sich das Versagen der Linken im Angesicht der eliminatorischen Volksbewegung der Deutschen vor Auge geführt und schlichtweg angenommen werden. Der Umstand, dass die deutschen nicht die emanzipatorische Kraft besaßen, sich von ihren „Herrschaftsverhältnissen“ (http://anarchiadd.blogsport.de/2008/ 11/09/beitrag-zur-diskussion-um-den-13-feb) zu befreien, kann nicht Anlass sein, die „kapitalistischen Nationalstaaten“, die die Menschen in Europa nun mal tatsächlich befreiten im Nachhinein „trotzdem“ zu kritisieren, sondern sollte Anlass sein, sich dieses Versagen einzugestehen und den realen alliierten Antifaschist_innen „reflektiert“ zu gedenken.
Der Vorwurf des Militarismus oder „Antihumanismus“ kann, was diesen Themenkomplex angeht nur abgewiesen werden, da in der kritisierten „Glorifizierung, Mystifizierung und Verklärung“ (http://dresden1302.noblogs.org/post/2008/11/04/positionspapier), also dem positiven Bezug auf die militärische Beendung der Shoah, zu keinem Zeitpunkt die Militarismus ausmachenden Faktoren Soldatentum/ Kameradschaft, Armee zum Selbstzweck, Männlichkeitsbeweis im Krieg, System im System, Militär als Lebensschule etc. vorkommen, noch positiv belegt werden. Die Bejahung der unumstritten notwendigen Intervention seitens der Alliierten ist also nur eine Bejahung des konsequenten Antifaschismus der auch militärisch geführt werden musste – da ließen die Deutschen den Alliierten keine Wahl. Dabei geht es nicht um eine grundsätzliche Positivbelegung irgendeiner Armee oder des Militarismus. Jedoch kann im Angesicht der Realität des Zweiten Weltkrieges, insbesondere militärischer Einzelereignisse, keine grundsätzliche Herrschafts- und Militärkritik betrieben werden also das Große am Kleinen gemessen werden.
Das Verwenden der Fahnen der Alliierten, die oberbegrifflichen Symbole der einzigen, die im Stande waren die Barbarei der Deutschen zu stoppen, ist noch lange kein „affirmatives“ Bekenntnis zum Konstrukt des Nationalstaats, oder deren Vor- und/oder Nachgeschichte! Wenn eine weitgehende, die dresdener Opferschaft einschließende Forderung nach kritischer Differenzierung ernst gemeint sein soll, so muss auch über den Rand der eigenen Ideologie und Sollvorstellungen hinaus differenziert werden. Und zum Anlass z.B. des 13.2.45 oder des 8/9.5.45 kommen kaum bessere Symbole für den konsequenten, undogmatischen Antifaschismus (dem Kampf gegen den Faschismus) in Frage.
Dabei zu unterstellen, mensch verhöhne die lebenden und die toten Linken (nicht antifaschist_innen) ist nicht nur Unfug, sondern verhöhnt und kriminalisiert diejenigen, die sich der Deutschen Barbarei tatsächlich in den Weg stellten – auf allen Ebenen, mit allen Mitteln.
Dieser Text ist als Teil einer notwendigen Intervention gegen die ideologische Verblendung und den Revisionismus innerhalb der dresdener Linken zu betrachten, die betrieben werden, um utopische Sollvorstellungen vom „schöner wärs wenn“ zu untermauern und somit bewusst Falschinformation betreiben, die weit hinter die erarbeiteten Ergebnisse der letzten Jahre der Beschäftigung mit dem Themenkomplex zurückfallen und somit Rückschritt wagen und kultivieren.

„Deutsche Täter_innen sind keine Opfer! Geschichtsrevisionismus bekämpfen!“


1 Antwort auf “»Ein Leben im Kampf oder keins?«”


  1. 1 Elendsverwaltung und Strafbedürfnis der linken Massenmenschen. Über den Zusammenhang von Schweinesystem und Schweinestall « contre la gravitation Pingback am 31. Dezember 2012 um 17:05 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.