Antifascistes, encore un effort.

Kritische Nachbetrachtung zum Vortrag „Nie wieder revolutionärer Antifaschismus“ der Gruppe „Leipziger Antifa“.

Der Vortrag, den die Gruppe „Leipziger Antifa“ (LeA) am 3. Juli 2009 im Dresdner AZ Conni, basierend auf ihrem Text „Nie wieder revolutionärer Antifaschismus“ (Antifaschistisches Infoblatt 3/2008), gehalten hatte, war in seinem Anspruch, antifaschistische Praxis einer konsequenten gesellschaftstheoretischen Reflexion zu unterziehen, ein höchst erfrischender Ausbruch aus dem begriffs- und gedankenlosen antifaschistischen Politikbetrieb. Nichtsdestotrotz bleibt der von der LeA präsentierte neue „Antifa heißt…“-Ansatz bei entscheidenden Fragen dunkel und widersprüchlich. Das betrifft nicht nur den problematischen „gesellschaftskritischen Gehalt“, wie er durch die proklamatorisch vorgetragene Selbstverortung durchscheint; ebenso wird die Kritik am Selbstverständnis des „bewegungsantifaschistischen“ linken Szene-Spektrums von der falschen Seite angepackt und droht schlussendlich zu misslingen.
Ohne dass die nachfolgenden Gedanken an dieser Stelle zu einem abschließenden Verdikt geführt werden, sollen einige problematische Zusammenhänge aufgezeigt werden, die sich durch Text, Vortrag und die anschließenden Äußerungen des Referenten in der Diskussion hindurchziehen, wobei der Fokus auf den Text gelegt wird. Alle kursiv und in Anführungsstriche gesetzten Stellen sind Zitate aus dem AIB-Text.

Die faschistische Systemoptimierung: Ableitungslogik statt Ideologiekritik
Die Unklarheit beginnt bereits bei der Benennung des „Ziels“ der behandelten antifaschistischen Praxis. Durch den ganzen Text hindurch findet ein permanenter Austausch von Nazis und Faschist_innen, oder genauer: von Nazis und Faschismus statt; ein Austausch, der mitnichten eine bloße Frage der Benennung ist, sondern auf einen blinden Fleck in der Gesellschaftsanalyse verweist. Denn von „Nazis“ ist immer und genau dann die Rede, wenn es um die realen und als unmittelbar verstandenen Individuen geht, denen auf der Straße gegenüberzutreten ist; sobald aber ein Nachdenken über den „Gegenstand“ des eigenen Antifaschismus stattfindet, ist nicht mehr von realexistierenden Nazis, sondern von einem Faschismus die Rede. Die Individuen, die zu bekämpfen der Inhalt der eigenen Praxis bislang war, kommen in der eigenen Begriffsbildung pikanterweise gar nicht mehr vor: „So, wie ab 2000 ein „Ruck“ gegen Nazis durchs Land ging, […] fiel keine zehn Jahre vorher das Asylgesetz, nachdem Nazis und andere Deutsche durch ihre militante Intervention ein „Ausländerproblem“ auf die realpolitische Tagesordnung brachten. Aber in keinem der beiden Fälle ist das Resultat ein faschistisches oder antifaschistisches. Die Masse auf der Straße – so radikal, entschlossen und verhetzt sie sein mag – gab jeweils nicht das Startsignal für einen radikalen Wandel, sondern für eine Systemoptimierung [!].“ Der Gang der Analyse ist ein aufs andere Mal derselbe: der Fokus wird konsequent von den handelnden Individuen weggeführt, hin zu einer behaupteten gesellschaftlichen Logik, die die Taten schlussendlich begreifbar machen soll: lokale rassistische Pogrome und deutscher Staatsantifaschismus finden ihre Erklärung als „Systemoptimierung“.

Aus dem mörderischen Handeln einzelner Nazis wird eine „faschistische Option“, die schon der Gesellschaft als solcher immanent sein soll, nämlich als ein lediglich besonders radikaler Modus der „Durchsetzung sozialer Härten“. Diese ahistorische Behauptung, die Nazis von Hitler bis zu Anhänger_innen von NPD und Nazi-Jugendbanden zu Agenten der Wertvergesellschaftung erklärt, ist nicht nur inhaltlich fragwürdig, sondern hat als ihre Voraussetzung einen methodischen Kurzschluss im Denken. An die Stelle der notwendigen Kritik der ideologischen Motivation der Täter_innen und des Versuchs, die innere Logik von falschem Bewusstsein und praktischem Handeln zu begreifen, also herauszufinden, wie Menschen innerhalb kapitalistischer Verhältnisse zu Nazis werden, will man ganz allgemein einen Faschismus aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, aus Staat und Demokratie, ableiten; aus diesen abstrakten Kategorien soll das „Vorhandensein faschistischer Bewegungen und die Verbreitung ihrer Ideologien“ folgen, welche begrifflich auf „Teilmomente“ reduziert werden: wer Demokratie und Staat durchschaut hat, weiß auch alles, was es über Nazis zu wissen gibt. Menschliche Individuen stehen innerhalb dieser ableitungslogischen Begriffshierarchie auf der untersten Stufenleiter. Sie sind kein eigenständiger Gegenstand der Reflexion: entweder sie fallen aus dem Denken komplett heraus (wie im Fall des Hin- und Herspringens zwischen Nazis und Faschismus) oder die Analyse vollzieht den gewalttätigen Kurzschluss, indem sie die Individuen aufhebt und noch den Inhalt ihres Kopfes aus den allgemeinen gesellschaftlichen Bestimmungen, aus Staat, Demokratie und Warentausch, ableiten will.

Zum Verhältnis von Ideologie, Individuum und Gesellschaft
Die Suche nach der begrifflichen Abkürzung ist zum Scheitern verurteilt. Es führt kein geradliniger Weg von der allgemeinen kapitalistischen Gesellschaft (wie sie in den Begriffen von Warentausch, Staat und Demokratie ausgedrückt ist) zum ideologischen Bewusstsein, gleichwohl beide Seiten unbedingt zusammen zu denken sind. Die Brücke zwischen beiden, der Dreh- und Angelpunkt des Ideologiebegriffs, sind die in ihrem Bewusstsein erst gesellschaftlich konstituierten Menschen. Ideologiebildung (ebenso wie theoretische Erkenntnis und Denken überhaupt) ist über die Erfahrung der äußeren Welt an diese geknüpft, bleibt aber als Bewusstseinsprozess ganz nachdrücklich individuelle Verarbeitung – und ist somit vor allem eins: nicht notwendig, d. h., nicht aus allgemeinen gesellschaftlichen Bestimmungen ableitbar. Die prototypischen Ideologien Antisemitismus, Rassismus oder Sexismus folgen keineswegs aus der bürgerlichen Gesellschaft, gleichwohl sie innerhalb dieser und unter ihren Bedingungen von den Individuen produziert und reproduziert werden, also nur vor dem Hintergrund jener Gesellschaftlichkeit begreifbar sind.

Indem der Gegenstand der Kritik im LeA-Text nicht das Bewusstsein der Nazis ist, sondern ein angeblich logisch erklärbarer Faschismus im Allgemeinen, muss die gesellschaftliche Wirklichkeit verfehlt werden. Immer unverständlich bleibt solchen Ansätzen der schreiende Irrationalismus, der der nationalsozialistischen Ideologie ebenso innewohnt wie dem Handeln einzelner Nazis z. B. auf Demonstrationen, wo jede Reflexion über eine Zweck-Mittel-Relation, über Konsequenzen des eigenen Tuns für die eigene Person, aussetzt. Begreifen lässt sich dies nicht dadurch, dass man versucht, aus dem Kapitalismus den Faschismus abzuleiten, sondern allein durch einen Blick auf die hier auftretenden Individuen. Die Gewalt, die zentraler Bestandteil des nazistischen Bewusstseins ist, ist in ihrer aktuellen Erscheinung nicht eine „der Durchsetzung sozialer Härten“ „immanente Option“, sondern an ein bestimmtes, vorwiegend männliches Klientel gebunden, das aufgrund postmoderner Individualisierungsprozesse aus den gesellschaftlichen Strukturen entkoppelt ist. Mit dem objektiven Zerfall der Strukturen bürgerlicher Gesellschaftlichkeit – allen voran Arbeit und Familie – entstehen Subjekte, die persönlich nichts zu erwarten und nichts zu verlieren haben, nichtsdestotrotz in ihrer psychischen Konstitution an das überholte Universum bürgerlicher Ideologie gebunden sind. Eingelöst werden sollen gerade die fetischistischen Ideale der bürgerlichen Aufklärung: Freiheit, Subjektivität und Naturbeherrschung, aber nicht auf dem gesellschaftlich anerkannten Weg von Arbeit und intellektueller Anstrengung, sondern durch unmittelbare Gewalt, die den Schein von Souveränität erzeugt. Für die Rechtfertigung ihrer Gewalt können die männlichen Subjekte dabei auf ein Arsenal an negativen Verarbeitungsleistungen zurückgreifen, das in zwei Jahrhunderten bürgerlicher Gesellschaftlichkeit hervorgebracht wurde: allen voran auf Sexismus, Rassismus, und Antisemitismus.

Im Kampf gegen die reaktionärsten, chauvinistischsten und am meisten imperialistischen Demokrat_innen
Eine Theorie, die die eigene Verarbeitungsleistung und damit selbstbezügliche Motivation der Individuen ausspart, muss diese schlussendlich als Opfer der Verhältnisse betrachten. Die von der LeA zu „InsassInnen der Gesellschaft“ verharmlosten Menschen tragen durch diese Gesellschaftlichkeit nur noch äußerliche „Schädigungen“ davon; als ob sie irgendwie als „Ungeschädigte“ bestanden hätten, bevor sie in Kontakt mit der Gesellschaft gekommen wären! Zu dieser externalisierten Gesellschaftlichkeit können sich die Individuen dann auf zweierlei Art verhalten: entweder sie unterstützen sie, oder sie lehnen sie als „unvernünftig“ ab. Das schlimmste (und tatsächlich einzige) Vergehen im Gesetzbuch der Leipziger Antidemokrat_innen ist folglich, die Gesellschaft und ihre innere Logik unterstützt zu haben. Wenn aus dem Staat der Faschismus folgen soll, kann der Antifaschismus nur dadurch gerechtfertigt werden, dass er sich im Kern gegen den Staat und seine Logik richtet. Die nun seitens der LeA betriebene „Suche nach Rechtfertigungen für eine bereits bestehende Praxis“, nämlich für ihren Antifaschismus, läuft durchsichtig und abgeschmackt auf die Behauptung hinaus, dass Nazis „für eine Verhärtung von Staat und Gesellschaft und die Radikalisierung ihrer täglichen Zumutungen“ eintreten würden, was in dieser Unmittelbarkeit einfach falsch ist. Um die Einheit des Weltbilds zu wahren, müssen Demokratie und Nazis krampfhaft auf ein lineares Kontinuum eingetragen werden; Georgi Dimitroff lässt grüßen.

Mit moralischen Appellen gegen die Theorielosigkeit?
Ebenso halbherzig, wie die Kritik an den Nazis angegangen wird, fehlt der Auseinandersetzung mit dem „bewegungsantifaschistischen“ Szene-Bewusstsein der notwendige Ernst. Vorgeworfen wird den exemplarisch kritisierten Gruppen ALB, ALI und „NS-Verherrlichung Stoppen“, dass sie „die Gesellschaftskritik außer Vollzug“ gesetzt und „das Politische aus der ganzen Diskussion“ verbannt hätten. Kritisiert wird eine angebliche Theorielosigkeit und eine „Entpolitisierung“. In der Tat: von einer systematisierten Theorie lässt sich im Bewegungsantifa-Spektrum nicht sprechen, doch greift es zu kurz, im Gegenzug nur quasi-moralisch den Stellenwert der Theoriebeschäftigung einzuklagen. Es sind ja gerade die selbsternannten Bündnis- und Taktik-Expert_innen, die von sich immer wieder behaupten, „bloß“ theorielos zu sein (oder genauer: ihre Theorie aus bündnistaktischen Gründen nicht einzubringen). Wenn die LeA dieses Vorgehen, in dem „mit dem Argument der „Notwendigkeitdie Gesellschaftskritik außer Vollzug“ gesetzt wird, lediglich als „unvernünftig“ negativ nachzeichnet, dann wiederholt sie nur die falsche Selbstdarstellung dieses Spektrums, und bewegt sich ganz im Rahmen einer taktischen Differenz, nämlich innerhalb der Frage nach dem Stellenwert von „Theorie“ in der Antifa-Mobilisierung.
Um die Auseinandersetzung auf die Füße zu stellen wäre hingegen zuallererst diese falsche Selbstdarstellung zu durchschauen und aufzulösen. Denn auch wenn mit gewissem Geschick versucht wird, offizielle Verlautbarungen wie Demo-Aufrufe möglichst inhaltslos zu gestalten, bleibt die Motivation für das eigene Handeln eine nachdrücklich inhaltliche, d. h., an ganz bestimmte Vorstellungen von sich selbst, den menschlichen Beziehungen und der Gesellschaft gebunden – und diese inhaltlichen Vorstellungen lassen sich durchaus herausarbeiten, sie sind in Brocken überall verstreut. Die Kritik kommt nicht umhin, genau diese Brocken und Versatzstücke aufzusammeln, ernst zu nehmen, schlussendlich selbst zu Ende zu denken und zu systematisieren, was die Produzent_innen unterlassen. Das daraus entstehende gruselige Gesamtgebäude ist keine Theorie; es ist widersprüchlich und den Urheber_innen in systematischer Gestalt keineswegs vorliegend. Der Grund dafür, dass es nicht zur Theorie synthetisiert wird, liegt gerade in der Unhaltbarkeit, die offensichtlich würde, wenn diese Theorie geäußert würde; die Äußerung wird deshalb konsequent vermieden, so dass Positionspapiere zu „Rechenschaftsberichten“ werden müssen, wie die LeA treffend feststellt. Die Verweigerung der theoretischen Synthese, des Zu-Ende-Denkens, ist Garant für das Überleben frei flottierender Ressentiments, die in ihrer nicht-systematisierten Gestalt praktisch unangreifbar sind. Mit dem falschen Schein der Theorielosigkeit darf sich gerade deshalb auf keinen Fall zufrieden gegeben werden. Es muss unbedingt erkannt und ernst genommen werden, was hier tatsächlich gesagt, getan und gedacht wird. Die Auseinandersetzung muss auf eine ganz inhaltliche Ebene gezerrt werden, das falsche Bewusstsein ist aufzurollen und inhaltlich auf Augenhöhe zu konfrontieren. Theoretisch fundierte Kritik ist keine Alternative zur Theorielosigkeit, sondern muss sich inhaltlich als das genaue Gegenteil des falschen Bewusstseins wissen.

Das Problem an ALB & Co ist daher keineswegs, dass sie „nur“ gegen Nazis vorgehen wollen, sondern dass sie dabei mit den falschen Inhalten gegen diese vorgehen und selbst die bestehenden Verhältnisse stützen (wie die LeA selbst es ja bezüglich Demokratie und normierter Mehrheitsgesellschaft treffend kritisiert hat) und auf billige, bloß andere Ressentiments setzen, wie z. B. wenn das Dresdner No Pasarán-Bündnis mit einem linken Alternativopfermythos zum 13. Februar den Nazis die Butter vom Brot nehmen möchte. Hier werden keine kritischen Erkenntnisse zugunsten taktischer Erwägungen geopfert, sondern eine begriffliche Kritik war tatsächlich nie vorhanden. Gerade wenn dieses Spektrum sich mal nicht nur zum Straßenkampf gegen Nazis äußert, sondern einen Einblick in sein Denken bezüglich Kapitalismus usw. gewährt, wird es haarsträubend. Nicht „das Desinteresse an einer […] politischen Grundlage“ macht solche Bündnisse „zum Hindernis für das kommunistische Anliegen“, sondern ihre eigene tatsächlich vorhandene falsche Vorstellungswelt. Der in Kreisen wie No Pasarán Dresden gepflegte Antiintellektualismus und die impulsive Abwehr jeder Theoriebeschäftigung sind keineswegs Ausgangspunkt einer verzerrten Sichtweise der Gesellschaft, sondern bereits gefestigtes Resultat einer Unmittelbarkeitsideologie, die ihre Ursprünge im westlichen Antiimperialismus besitzt. Die äußeren Bezugspunkte des Antiimperialismus – Kuba, Palästina, usw. – haben zwar jede Glaubwürdigkeit verloren, doch gerade dadurch hat sich die antiimperialistische Ideologie auf ihren Kern, nämlich das falsche Selbstverständnis der Subjekte, zurückgezogen. Geblieben ist eine aggressiv verteidigte falsche Unmittelbarkeit zwischen romantischer Liebe, Straßenkampf und unschuldig-naivem Szene-Dasein im lokalen AZ. Während man sich selbst jenseits jeder Gesellschaftlichkeit (und damit auch jenseits jeder „Herrschaft“) imaginiert, mobilisiert die politische Arbeit beständig gegen eine äußere Bedrohung des eigenen Kollektivs; je nach Jahreszeit durch Naziaufmärsche, Bullen, oder antideutsche Kritik. Aller augenfälligen Verschiedenheit zum Trotz beliefert gerade die Faschismusanalyse der Leipziger Antifa diese falsche Externalisierung von Gesellschaftlichkeit mit Stichworten.

Markus Winterfeld, August 2009