Zum Tod von Robert Kurz

Vorbemerkung: Robert Kurz ist am 18. Juli 2012 im Alter von 68 Jahren an den Folgen einer Operation gestorben, wie die Redaktion von Exit! und verschiedene Presseberichte mitteilten. Es kommt mir nicht zu, einen Nachruf auf diesen Menschen zu schreiben, den ich persönlich nicht weiter kannte. Gleichwohl hatte ich nach dem Lesen verschiedener Blog-Beiträge, die seinem theoretischen Werk m.E. nicht gerecht wurden, das Bedürfnis einer kurzen Würdigung für einen Menschen, dessen kritische Theorie mein eigenes Denken tief geprägt hat.

Robert Kurz trug in den vergangenen dreißig Jahren wie kein anderer zur Formulierung einer radikalen und kompromisslosen Kritik der modernen kapitalistischen Gesellschaft bei. Seine unglaubliche Leistung auf dem Gebiet der kritischen Gesellschaftstheorie begann 1986 mit grundlegenden Arbeiten zum Marxschen Wert- und Fetisch-Begriff, aus denen sich eine weitreichende Neubestimmung des kritischen Verständnisses des Kapitalismus ergab: nicht Privateigentum und subjektive Ausbeutung durch die Kapitalistenklasse bildeten das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft, sondern die gesellschaftlichen Formen von Wert und abstrakter Arbeit, welche die gesamte Gesellschaft einem objektiven Akkumulationszwang unterwarfen. Hatte der traditionelle Marxismus diese Kategorien gerade zur transhistorischen Grundlage aller menschlichen Gesellschaftlichkeit erklärt, die es im Sozialismus zu verwirklichken gälte, so wurden gerade Wert und Arbeit nun in den Fokus der Kritik gerückt.

Ausgehend von dieser theoretischen Basisinnovation folgte für Robert Kurz – zusammen mit den TheoretikerInnen der damaligen Krisis-Gruppe – eine beispiellose Radikalisierung der Kritik, welche sich schrittweise und in mühsamen Absetzbewegungen durch eine Kategorie der Moderne nach der anderen durchfraß, und auf diesem Weg „Arbeit“, Klassenkampf, Subjekt, Staat, Demokratie und abstrakte Vernunft als spezifisch kapitalistische Daseinsformen kritisierte. Persönliche Verdienste von Robert Kurz waren dabei insbesondere die theoretische Aufnahme und Förderung der von Roswitha Scholz entwickelten Theorie der geschlechtlichen Abspaltung; die Kritik der kapitalistischen Subjektform und der Aufklärungsideologie; sowie die Fortführung der bei Marx nur fragmentarisch angedachten Theorie einer kategorialen Krise der Kapitalakkumulation aufgrund des Abschmelzens der Arbeits- und Wertsubstanz. Publizistische Bekanntheit erlangte Robert Kurz vor allem durch seine historisch-kritischen Darstellungen zum Zusammenbruch des Realsozialismus („Der Kollaps der Modernisierung“, 1991) und zur Konstitutions-, Durchsetzungs- und Krisengeschichte des Kapitalismus („Schwarzbuch Kapitalismus“, 1999).

Seine theoretischen Anstrengungen galten nicht der Rechtfertigung dieser oder jener abgegrenzten Theorie, sondern vielmehr einem negativen, „alle Ebenen der Reflexion und alle Lebensbereiche übergreifenden umstürzlerischen Großprojekt“ („Blutige Vernunft“, 2002). Voraussetzungen für dieses einmalige Lebenswerk einer ungebremst fortschreitenden, mit jedem Schritt sich ausweitenden und radikalisierenden theoretischen Kritik waren zwei Erkenntnisse, die sich durch das gesamte Werk von Robert Kurz ziehen:

  1. Dass eine Theorie der modernen Gesellschaft nur als negative, d.h. als kritische, möglich ist, die sich nicht auf transhistorische Prinzipien berufen könne, sondern allein aus der Erfahrung des destruktiven Gegenstands – der modernen kapitalistischen Gesellschaft – ihre Legitimation beziehen müsse.
  2. Dass sich die kritische Theoriebildung aufgrund dieses ihr vorgeschriebenen negativen Charakters jeder Anbiederung an eine vorgefundene Praxis zu enthalten habe, um nicht ihren eigenen Wahrheitsanspruch zugunsten der ideologischen Legitimation irgendeiner, notwendig beschränkten Praxis aufzugeben.

Diese beiden Einsichten, die zwar bei Marx und Adorno angelegt waren, deren Zeitkern sie laut Robert Kurz aber erst durch die Erfahrung der Krise klar formulierbar werden ließ, machten den entscheidenden Unterschied zwischen Robert Kurz und allen ihm vorausgegangenen TheoretikerInnen aus. Sie bildeten gleichsam den Kompass für seine theoretische Reise, die ihn Meile um Meile jenseits der bis dahin gehaltenen Gewissheiten führte. Und sie unterschieden ihn ebenso von der Masse seiner aufgeschreckten Gegner, welche sich nicht selten mit revolutionärem Pathos auf Marx beriefen, und heute meist Programmvorschläge für die Linkspartei oder Lobreden auf den Imperialismus schreiben.

Robert Kurz‘ Werk bleibt nicht nur unvollendet in dem Sinne, wie er es selbst formulierte: dass nämlich kritische Theorie als schlussendliches Ziel die praktische Überwindung ihres Gegenstands, der kapitalistischen Gesellschaft – und somit auch ihrer selbst als Theorie – besitzt. Vielmehr unterbricht sein frühzeitiger Tod seine in den letzten Jahren begonnenen und in der Theoriezeitschrift Exit! publizierten Arbeiten zum Ausbau und zur Fundierung der wertkritischen Krisen- und Staatstheorie. Ebenso unvollendet bleibt sein Versuch, ein erweitertes begriffliches Vokabular für die „fetischistische Matrix“ der Moderne zu erarbeiten, welches die verbleibende Widersprüchlichkeit in der Marxschen Darstellung hinter sich lässt.

Robert Kurz hat in dreißigjähriger Anstrengung der kapitalistischen, auf Arbeit, Wert und geschlechtlicher Abspaltung beruhenden Gesellschaft eine theoretische Kritik entgegengehalten, die ihresgleichen sucht. Er hat die Überwindung des warenproduzierenden Systems als Bedingung menschlicher Emanzipation ausgesprochen und die Kriterien für eine solche Überwindung vorausgedacht. Robert Kurz‘ Theorieleistung wird alle, die an der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft und ihrer Grundlagen arbeiten, noch lange begleiten; sie kann, wie Robert Kurz über die Marxsche Theorie sagte, „in Frieden nur sterben zusammen mit ihrem Gegenstand, der kapitalistischen Produktionsweise“ („Marx lesen!“, 2008).

Den WeggefährtInnen und FreundInnen von Robert Kurz gilt mein tiefstes Mitgefühl.

Markus Winterfeld, 27. Juli 2012


1 Antwort auf “Zum Tod von Robert Kurz”


  1. 1 Robert Kurz ist tot — keimform.de Pingback am 28. Juli 2012 um 15:24 Uhr
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